Eine echte Höllenfahrt!

Von Michael (Text) und Franz (Fotos)  – Bei Regen schlendert ihr wohl nicht, wird uns gegenüber hin und wieder süffisant bemerkt. Wir gehen IMMER, bei Mistwetter stellen wir uns aber gerne mal unter in Gasthäusern oder Museen, wie kürzlich in der Zeche Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen. Passender Titel der Ausstellung: „Über Unterwelten. Zeichen und Zauber des anderen Raums”. Noch bis zum 2. November können Besucher im historischen Werkstattgebäude der Zeche abtauchen in Tiefen, unter Erdoberflächen, in mystische Welten jenseits des Sichtbaren.

Wir beginnen mit einem Fluch von Optikspezialist Franz: „Hätte man sich ja denken können, dass es hier dunkel ist.” Das wussten vor uns auch die Kumpel, die einst in dieser Vorzeigeanlage des Ruhrbergbaus in mühsamer Muskelarbeit Kohle brachen, denn: Vor der Hacke is duster. Ist wohl nichts mit Fotografie, oder?

Leicht fluoreszierende Schriften an den Wänden leiten den Besucher in der dämmrigen Atmosphäre des Foyers auf die zweite Etage, wo sich die Unterwelts-Vorstellungen verschiedener Kulturen versammeln.

„Das ist eine echte Mumie!”

Auch das eigene Ich muss sich eingangs eine Frage gefallen lassen: „Versteckt sich in mir eine Unterwelt?” Eine Antwort darauf finden wir wenig später bei einem der Helden der Weimarer Klassik. „In die Tiefe musst Du steigen, soll sich Dir das Wesen zeigen”, schrieb Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Die Sprüche des Konfuzius”. Doch zunächst begegnen wir Gestalten aus der griechischen Mythologie wie Orpheus, der seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt zurückholen will, sie aber mit einem Blick zurück endgültig verliert; oder dem Irrfahrer Odysseus, dem die Zauberin Kirke rät, in den Hades zu eilen, um dort mehr über sein weiteres Schicksal zu erhalten. Düsterfarbige Masken von Schüler/innen der Dortmunder Droste-Hülshoff-Realschule zeigen die Doppelbödigkeit des Menschen, sein Über- und Unterwelten-Wesen auf.

Rodins Höllentor zu sehen

Eine mehr als 2000 Jahre alte Mumie („Das ist ne echte!”, sagt der Museumswächter) steht für den Totenkult der alten Ägypter, die 12 Stationen durch die Unterwelt auf dem Weg ins Jenseits kannten.

Wenn es eine Hölle gibt, muss es auch ein Tor dorthin geben. Diese „Übergänge” haben Künstler in allen Jahrhunderten inspiriert. In Bövinghausen zu sehen ist Auguste Rodins Höllentor, ein Bronzeguss des ersten Modells von 1880. In biblischen Darstellungen zeigt sich die Hölle mal als Glutofen, mal als Schmelztiegel. Muslime kennen keine Hölle, zumindest keine bildliche Darstellung, weil der Koran dies verbietet. Buddhisten sind in einem Kreislauf gefangen zwischen sechs Ober- und Unterwelten. Wer aus diesem Kreislauf von Wiedergeburten heraustritt, halt Heiligkeit erlangt und ist auf dem Weg ins Nirwana.

Eine virtuelle Seilfahrt mit 36 km/h

Wir nähern uns indes der Tiefe als bildliche Angelegenheit. Zum Kern einer Sache vordringen oder unter die Haut gehen, wie es Andreas Vesalius (1514-1564) buchstäblich tat und der Welt als Begründer der Anatomie gilt.

Ein Heimspiel hat die Zeche Zollern, wenn es um ihre ureigenste Angelegenheit, den Kohleabbau in großer Tiefe geht. Eine virtuelle Seilfahrt darf nicht fehlen auf dem Weg in diese Unterwelt, mit 10 m/sec oder 36 km/h rattern wir in die (gedachte) Tiefe. Ein verwirrendes Geflecht von Schächten, Stollen und Streben unter Tage zeigt die schematische Darstellung der Wittener Zeche Nachtigall. Wie man sich die Welt vor Ort am eigenen Leib vorstellen kann, hat Peter von Zahn bereits 1949 in einer exzellenten, experimentellen Reportage umgesetzt. In die „Führung einer Dame” simuliert er einen Streb im eigenen Kohlenkeller, auf Zollern nachvollziehbar in einem engen Holzverschlag. Dahlbusch-Bombe, aktuell geworden als „Fenix” 2010 in einer spektakulären Rettungsaktion chilenischer Bergleute, Kanalbau, Fäkalientransport, Wasserleitungen, Autotunnel, U-Bahnen, Fracking: nur einige von zahlreichen Stichworten für Untertagewelten, nicht zu vergessen Cargo-Cap, das Untertage-Transportsystem der Zukunft. Wer hat’s erfunden? Helle Köpfe des Ruhrgebiets.

Fahrt durch die Abwasserkanäle Wiens

Dem Augenlicht des Menschen verborgene Welten regen auch heute noch die Phantasie des Künstlers an. In der Video-Perfomance „Western” fährt der österreichische Künstler Hans Schabus in seinem Boot „forlorn” durch die Abwasserkanäle der Hauptstadt. Sein Ziel und seine Botschaft: „In der Scheiße von Wien ungesehen die Stadt verlassen”.

Wir verlassen diese pralle, fast von interessanten Begebenheiten, Tatsachen und Überlieferungen überladene Ausstellung mit der Absicht, wiederzukommen. Denn in wenigen Stunden kann man diese Unterwelt nicht erforschen.

PS: Mit einer Form von Hölle könnten wir uns durchaus anfreunden. Wenn sie so! bevölkert ist, wer will dann in den Himmel kommen?

PPS: Achtet in der 2. Etage auf ein kleines Loch im Boden. Dort ist die Höllenanimation versteckt.

Über Unterwelten. Zeichen und Zauber des anderen Raums, bis 2. Nov. 2014
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5, 44388 Dortmund
geöffnet di-so 10-18 Uhr
Eintritt: 6 Euro, erm. 4, Kinder 3 Euro
http://www.unterwelten.lwl.org

Franz_Michael_klein

 

 

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