Die Gedärme der Erde

Ein Mann, ein Projekt: zu Fuß vom Schwarzwald durch die Schweiz zum Lago Maggiore. Hier Geralds Wandertagebuch, Tag 7: vom Toce-Wasserfall nach Domodossola, 45 km, 9 Stunden.

Gestern Winter, heute Sommer. Die Gemeinschaft und die Freundschaft, das leckere Menü von Barbara und der vorzügliche Rote von Cantamessa am Vortag taten gut. Aber um kurz nach sieben bläst mich der Nordföhn vor sich her aus dem Gebirgstal. Der Weg lautet immer noch Via Sbrinz, auch wenn er sich bis Domodossola mehr und mehr verliert. Dennoch wird der Weg zweimal im Jahr für die Transhumanz, das ist der Almauf- und -abtrieb von tausenden von Tieren genutzt.

Deutsche Namen im Untertitel

Der Weg führt an netten Siedlungen aus der Walserzeit vorbei und sie tragen auch noch die deutschen Namen, zumindest im Untertitel. Man spürt,  dass die meisten nur noch zeitweise bewohnt sind. Schade. Jetzt, in Zeiten des Klimawandels, wären es eigentlich tolle Ganzjahreshäuser.

Je weiter ich laufe, desto wärmer wird es. Der Organismus muss nach der Schnee-Einlage von gestern einiges verkraften. Mit jedem Schritt spüre ich, dass ich in eine andere Klimazone vordringe. Die Wegfindung ist nicht immer leicht, ein guter Orientierungssinn und eine Schweizerische Karte sind vonnöten. Gepflegt wird dieser Hauptweg kaum, teilweise geht es einfach der Nase nach durch die noch ungemähte Wiese.

Beeindruckende Schluchten

In Premio gönne ich mir eine kleinen Abstecher. Einer Empfehlung unserer Freundin Giuliana aus Trarego folgend, steige ich in Uriezzo in die Gedärme der Erde ab. Der höhlenartige Canyon wurde in Urzeiten geformt vom Fluss Toce, dem ich folge. Irgendwann hat er sich einen anderen Weg gesucht und beeindruckende Schluchten in der Erde zurückgelassen. Außerdem ist es angenehm kühl hier unten. Prädikat absolut empfehlenswert!

Durch die Toce waten

Weiter geht’s talauswärts. Irgendwann zwingt mich der zugewucherte Weg sogar, die Schuhe auszuziehen und durch den Toce zu waten und von Kiesel zu Kiesel zu springen. Soll keiner glauben, der Weg sei langweilig. Wirklich ermüdend ist nur das letzte Stück, eine mindestens drei Kilometer Gerade auf Domodossola zu – in der schönsten Nachmittagshitze.

Kurz: Ich freue mich auf den Schlusspunkt meiner Tour morgen, der mit einer kurzen Zugfahrt ins Val Vigezzo beginnt, dann tauche ich in das größte Wildnisgebiet Italiens ein, das Val Grande. Dort wartet nochmals ein veritabler Aufstieg über einen ausgesetzten Gratweg, schließlich der Abstieg zum zweiten Zuhause am Lago Maggiore. Wie ich mich darauf freue! Morgen!

 

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