Eine sichere Bank

Von Michael (Text) und Franz (Fotos)  – Wanderungen in der früheren Heimat, also Sauerland: Immer eine sichere Bank, und das lässt sich sichtbar beweisen. Manchmal aber möchte man schier verzweifeln angesichts der Sturköpfigkeit und Trotzigkeit mancher Menschen. Aber beginnen wir unsere Runde rund um den Stillen See bei Hachen erst einmal am Schützenplatz von Elspe und legen bei rund 30 Grad im Schatten einen Kaltstart hin: Der anlauflose steile Anstieg zur über dem Dorf gelegenen Vogelstange fordert Lunge wie Schinken (sauerländisch für Oberschenkel) gleichermaßen.

Die Aussicht über das bundesweit bekannte Dorf (irgendwas mit Indianern, glaube ich) entschädigt wenig später und wir schrauben uns elegant in einem weiten linken Bogen zur Passhöhe nach Hachen hoch. Dort oben rechts abbiegen hieße, den Wallburgturm auf dem Weilenscheid (481,4 m) ansteuern, aber den heben wir uns für später auf.

Der Stille See ist heute grün überwuchert

Hachen war einmal ein Weiler mit mehreren Bauernhöfen und ist heute ein von der Öffentlichkeit gern unterschätzter Rückzugsort für ein Leben in abgeschiedener, hoher Lebensqualität. Es hat allerdings einen Makel. Den Stillen See, der sich hinter den bäuerlich geprägten Anwesen erstreckt und heute grün überwuchert ist. Auf gut Deutsch gesagt, hat man dort die Scheiße des Bergbaus vergraben, der jahrzehntelang das Arbeitsleben vieler Halberbrachter und Meggener Familien geprägt hat. Das Sauerland hat auch eine Bergbautradition, die in Meggen in Gestalt der Firma Sachtleben Bergbau GmbH, einer Tochter der Metallgesellschaft AG, ihren Standort hatte. Schwefelkies (Pyrit), Zinkerz, Bleiglanz und Schwerspat (Baryt) waren die Mineralien, die über die sogenannte Walther-Rampe, eine Straßen-Wendel hunderte Meter tief ins Gebirge, abgebaut wurden, ehe die Lagerstätten 1992 erschöpft waren. Die Erze wurden unter anderem im Flotationsverfahren gewonnen, bei dem sich die Mineralien an der Oberfläche der Lösung in einem Schaum verdichteten, den unbrauchbaren und nach Meinung von Umweltschützern giftigen Rest kippte man in den Stillen See bei Hachen, wie ihn der Volksmund bald nannte. Die Grünen waren ob dieser Endlagerung ziemlich auf dem Baum, sie befürchteten einen Dammbruch, der die darunter gelegene Ortschaft Theten überspülen könnte. Ist nicht eingetreten, wie wir uns überzeugen konnten.

„Sitz, wenn du ein Elsper bist”

Wir wandern weiter bis zum Skilift oberhalb von Halberbracht und nehmen Kurs nach rechts runter auf Meggen. Dort stoßen wir auf Hinterlassenschaften des Bergbaus wie das Mundloch des Eikertstollns, erblicken vom Berg aus unten Pyramiden (gibt’s später einen Extrabeitrag zu) und das Siciliaschacht-Museum, das leider nur Sonntags geöffnet hat. Weiter also hoch zur Bank der sicheren Aussicht. Da musst Du mal drauf gesessen haben, und analog zum Stadionspruch „Hüpf, wenn Du ein Schalker bist” fordern wir: Sitz, wenn Du ein Elsper bist!

Die Bank liegt unterhalb des Wallburgturms und eröffnet dem Besitzer einen Blick nach Hespecke und Sporke bis zur Lüdenscheider Nordhelle (links), Elspe-Festival und Wilde Wiese bei Sundern (Mitte) und weit ins Elsper Tal bis hinter Oedingen (links). Echt jetzt, großes Freilichtkino!

Turm wurde im Weltkrieg in Brand geschossen

Kommen wir nun zu einer Eigenschaft des hiesigen Menschenschlages, die nicht immer angenehm ist. Sturheit. Quasi in Holz gemeißelt wenige hundert Meter hinter der Bank der guten Aussicht. Der Turm (heute 14,50 Meter hoch) hat eine lange Geschichte, die Wallburgreste auf dem Weilenscheid eine noch längere, die wahlweise auf die Kelten- oder Germanen zurückgeht. Der Elsper Heimatforscher Wolfgang Poguntke weiß hier mehr dazu. Der Turm wurde in den Jahren 1937/38 errichtet, damals wie heute (SGV und ARGE Elspe) unter Beteiligung der Dorfbevölkerung. „Ich habe als kleiner Junge mitgeholfen”, erinnert sich ein hochbetagter Elsper, „wir bekamen ein Holzbrett, dass wir tragen konnten, und schleppten es auf den Weilenscheid. Oben angekommen bekamen wir als Belohnung Sprudel.” Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Turm zerstört. „Die deutsche Wehrmacht hat den Turm vom höher gelegenen Nachbarort Sporke vor den anrückenden Allierten aus mit Brandgranaten in Brand gesetzt”, erinnert sich der Zeitzeuge.

Seit 1998 steht der Wallburgturm wieder, und abgesehen von der Nutzung durch Greifvögel und Fledermäuse ist er eine ziemlich aussichtslose Angelegenheit. Nach Nordwesten, also Richtung Elsper Tal, verdecken Fichten den Weitblick, hinten heraus Richtung Meggen stören Eichen und Birken die Aussicht. Es ist, als ob man in London eine Stadtrundfahrt in der U-Bahn unternehmen wollte.

Grundstückstauschpaket war bereits geschnürt

Aus sicherer Quelle wissen die Schlenderer, dass die Stadt Lennestadt mit dem Grundstückseigentümer ein Tauschpaket geschnürt hatte, das dem Wallburgturm und seinen Besteigern ein würdiges Panorama beschert hätte. Aber da wir den anderen Teil nicht gehört haben (wir sind halt Journalisten), verschweigen wir, warum der Deal geplatzt ist (Anmerkung für Elsper: Wer mich mal beim Thekenstammtisch donnerstags bei Helga fragt, dem verrate ich unter dem Siegel höchster Verschwiegenheit den Grund dafür).

Ach ja, Heimat. Im Pott entstand einmal ein Film von Regisseur Adolf Winkelmann mit dem Titel „Jede Menge Kohle”. Katlewski, ein abgebrannter und gescheiterter Kumpel, sagt darin den berühmten Satz: „Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.” So etwas wünschen wir uns auch, natürlich nur in Harmonie und völliger Übereinkunft der beteiligten Parteien…

Franz_Michael_klein

 

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Anmerkung: Unsere Spione im Weltall, die unsere Strecken aufzeichnen, spinnen manchmal. Der Startpunkt liegt in Elspe, nicht in Trockenbrück, wie im „i” in der Karte angegeben.

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