Der Blauen – unser Berg

Von Dorothe (Fotografie) und Michael (Text) – Der Hochblauen im südlichen Schwarzwald ist – in Anführungzeichen – unser Berg, seit vielen Jahren, in denen wir das Markgräflerland erkunden. Es führen viele Wege nach oben und einen gehen wir besonders gern: ziemlich direkt von Schallsingen im Eggener Tal zum Blauenhaus hoch.

Es ist ein sportiver Gang, auf dem wir gerne mal Kelle geben, um uns unserer Leistungsfähigkeit zu vergewissern. Ja-aah. Wissen wir: Wandern heißt nicht rennen, aber an diesem milden, sonnigen Herbsttag haben wir einen anderen zwingenden Grund, flott hinauf zu kommen: Es gilt ein Geburtstagsessen einzuarbeiten: feines, schmelziges Tartar vom Weiderind mit Senfeis, knackig frische Jacobsmuscheln und saftiger Felsenoctopus, die noch feines Jodaroma umwehen, einen a point gebratenen Rehrücken, umlegt mit Steinpilzen und einem sensationellem Rotkraut, begleitet von feinen, geschliffenen Weinen (die Tochter wird nur einmal 18, sagt: der Vater). Man schaut hier und reserviert im Landhotel Rebstock in Obereggenen!

 „Wir gehen die felsige Variante”

Wer so einen Ranzen vom Vorabend mitschleppt, entscheidet sich natürlich für die Variante „Blauen” (felsig), die die Wegemarkierung ausweist, und ignoriert die bequeme Möglichkeit. Ein kurzes Teilstück der usprünglichen Strecke, die unsere alte Karte ausweist, ist allerdings nicht mehr begehbar. Krautig und zugewachsen, krallt Dich schnell eine Brombeerranke. Machete? Müsste Pflicht sein.

Der hohe Wald wirkt hier stattlicher als anderswo, fragt jetzt nicht nach den Kriterien, ist nur so ein Gefühl. Die Tour gibt sich wie ein keusches Weib. Hochgeschlossenes Blätterdach, nix zu gucken. Erst an der Hirschmatt-Hütte lüftet sie kurz den grünen Saum und gibt den Blick frei auf die dunstige Rheinebene.

Am Gipfel: ein trauriges Bild

Ganz oben schließlich: ein Superblick in alle Richtungen. Eine „unzerstörbare Aussicht”, meint Wolfgang Abel, heimatbewanderter Autor und kritischer Begleiter von Region und Gastronomie des Markgräflerlandes. Der Süden ist leicht wolkenverhangen, aber im Dunst zeichnen sich die Umrisse der Schweizer Bergriesen ab: Finsteraarhorn (4275 m), Viescherhörner (4020 m), Eiger (bei klarer Sicht und mit einem guten Fernglas erkennt man Strukturen der Nordwand), Mönch und die 4167 Meter hohe Jungfrau. Der Montblanc ist leider nicht auszumachen und wir ergötzen uns am Blick auf die Vogesen, auf den nahen Belchen mit seinem markanten Belchenhaus und auf den dahinter liegenden Feldberg. Mit dem Schauinsland vervollständigt der Blauen das Quartett der prominenten Berge.

Aktuell gibt der Aussichtsberg im Markgräflerland respektive sein Gipfel ein trauriges Bild ab. Das Blauenhaus, einst sonntägliches Ausflugsziel und Raststätte vieler Wanderer, verkommt; seit dem Sommer 2013 sind Gasthaus und Hotel geschlossen. Der Niedergang begann 2005, nachdem das Ehepaar Haas das Haus an einen Berliner Architekten verkaufte und sich die beiden Gastronomieprofis aus Küche und Gasthaus in den Ruhestand zurückzogen. Es gab Weiterbelebungsversuche des Gasthauses, manch einer war aus unserer Sicht amateurhaft.

Ein neues Hotel mit 50 bis 60 Betten

Aktuell, so scheint es, stehen wieder bessere Zeiten bevor. Besitzer Volker Kirsch will sechs bis sieben Millionen Euro in die Hand nehmen und in ein Tagungs- und Tourismushotel stecken. Um den Kern des alten Blauenhauses herum sollen Gastronomie und Hotellerie mit 50 bis 60 Betten entstehen. Mit der Eröffnung werde im Frühjahr 2016 gerechnet, hoffen die örtlichen Politiker. Offenbar verkennen sie die Erwartungen der Ausflügler und Wanderer sowie die Stimmung in der Bevölkerung. In den Gasthäusern am Fuße des Blauen und von Einheimischen hört man kaum Gutes über das Konzept.

Wir stehen im Oktober 2014 am Blauenhaus und leiden mit ihm angesichts seiner Verfassung. Putz und Farbe lösen sich, im Winter sprengt der Frost den Zement der Außenterrasse, auf der noch einige Biertische und Bänke stehen. Der Architektenentwurf für die Zukunft des Blauenhauses prangt an dessen Vorderfront und das Fehlen auch kleinster Andeutungen von Bautätigkeit lässt eine Eröffnung in gut eineinhalb Jahren illusorisch erscheinen.

„Industrieanlagen in der Natur”

Eine zweite Projekttafel am Gipfelparkplatz lässt uns einen neuen Schreck in die Glieder fahren: der Hochblaue als „Windenergieberg”. Zwei bis fünf Riesenwindräder sollen, geht es nach dem Willen des selbstbewusst auftretenden Vereins Bürgerwindrad Blauen (BwB), am Gipfel errichtet werden. „Wer die Windräder sieht, dem sollen sie auch gehören!”, heißt es auf der Tafel. Als (durchaus egoistischer) Urlauber sähe ich sie – wie viele Tausende Gäste im Markgräflerland – auch, und doch gehörten sie mir nicht. Schlimmer als diese sinnfreie Losung wäre die Tatsache, dass sie das Erscheinungsbild einer ganzen Region nachhaltig zerstörten. Der Marburger Natursoziologe Dr. Rainer Brämer forderte vor kurzem, sich von grünem, verschleierndem Energiepolitik-Vokabular zu verabschieden und „Windräder” als das zu bezeichnen, was sie seien: „Industrieanlagen, die in die Natur gesetzt werden.” Hinzu kommen erhebliche Zweifel an der Effizienz der Anlage. „Schauet Sie, die Windräder auf Freiburg zu stehet die halbe Ziet still. Bei uns bläst’s net so”, sagt uns ein Einheimischer.

„Heimatvertriebene Humankäuze in die Museumspädagogik”

Vielleicht wird „Windrad-Eventtourismus” mit „Kombi-Ticket zum Besuch aller Windparks im Südschwarzwald”, wie es Heimatkundler Abel ironisch sieht, den herkömmlichen Tourismus ablösen. „Heimatvertriebene Auerhähne und Humankäuze, die auf dem Hochblauen einfach nur ein ruhiges Fleckchen suchen, könnten in ein museumspädagogiosch wertvolles Biosphärenreservat ausgelagert werden.”

Das war jetzt eine lange Litanei und eine Liebeserklärung an einen Berg sieht sicher anders aus. Aber so ist die Wirklichkeit, und wir wollen sie nicht beschönigen. Auch das kann Wandern bedeuten.

Empfehlenswerte Lektüre zum Markgräflerland:
Wolfgang Abel: Südschwarzwald, 31 leichte Entdeckungen, Oase-Verlag, 24 Euro
vom gleichen Autor: Markgräflerland, Streifzüge zwischen Weinweg und Weinstraße, Oase-Verlag, 23 Euro
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