Aus der Komfortzone

Von Michael (Text) und Franz (Fotografie) – Die Warnung von seiner Nachbarin „Chrischta” kam für uns zu spät. „Der Gerald isch a Tier”, sagte sie mitfühlend, als Franz und ich am späten Nachmittag unsere geschundenen Knochen über die Stiege hoch in die Ferienwohnung des Wolfe-Hofs in Gresgen schleppten. Mit Schneeschuhen 21 Kilometer durch tiefen Schnee – so einen extremen Gang hält doch kein normaler Mensch aus, außer Gerald.

Dabei fing er ganz normal an,jener Tag, an dem wir Schlenderer – Franz, Gerald und ich – uns in Gresgen zum Belchen (1414 m) aufmachten. Die Tour zum Herzogenhorn am Vortag war richtig klasse, warum sollte diese anders werden? Ein rosa-blauer Sonnenaufgang begleitet uns oberhalb des Dorfes und wir stapfen zunächst durch die Spur eines der allgegenwärtigen Offroadautos, ehe wir die Schneeschuhe anlegen. Im Sommer ist dieser Kamm für die nahen Schweizer ein Pilzsucher-Highway, weiß Gerald. Natürlich streifen sie ohne Vignette durchs Unterholz. Jetzt biegen sich Äste und die Stämme schlanker Bäume unter der Last des Schnees über unseren Weg. Mit dem Stock angestupst, schnellen sie befreit in ihre Ausgangslage zurück und ich vor Schreck rücklings in den Schnee. Gerald feixt. „Mit Schneeschuhen an den Füßen soll man nicht rückwärts gehen. Aber Journalisten müssen eben alles ausprobieren.”

„So einen Winter habe ich lange nicht erlebt”

Wir ziehen auf dem durchgängig 900 bis 1000 Meter hohen Kamm, die Trittsiegel der Waldtiere ausgenommen, die einzige Fährte. Gerald „das Tier” spurt wie ein Diesel, zuverlässig und durchzugsstark durch den Schnee. Franz freut sich wie der sprichwörtliche Schneekönig. „So einen Winter habe ich lange nicht erlebt”, sagt er mit Blick auf die Pracht. Ein einziges Mal lichtet sich der Wald und gibt einen weiten Blick bis zu den Vogesen auf französischer Seite frei. In den Tälern unter uns schmiegt sich Nebel an die Hänge. Wir stapfen weiter ins unberührte Weiß. Nach mehr als 14 Kilometern liegt der Belchen vor uns, sein blankes Kuppenhaupt in Nebel gehüllt.

Der „Türkenlouis” ließ im Schwarzwald Schanzen bauen

Hinter dem Wanderparkplatz „Hau” können wir die historische Sternschanze erkennen, unter dem Schnee bilden sich die Konturen des einstigen Bollwerkes gegen Einmärsche der Franzosen sehr plastisch heraus. Angelegt wurde die Barockschanzen um 1700 unter den Ägide des „Türkenlouis” genannten Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden. Insgesamt zog sich die Verteidigungslinie mehr als 200 Kilometer durch den Schwarzwald. Später stoßen wir auf alte Grenzsteine, die bis 1806 die alte Landes- und Konfessionsgrenze zwischen Baden und Vorderösterreich bildeten. Vorn tragen sie das badische, hinten das österreichische Landeswappen.

„Achtung, Sie verlassen die Komfortzone!”

Nach dem Böllener Eck zieht der ein oder andere von uns (ich) keinen Hering mehr vom Teller. Buttern im Stehen mit halb vertrockneten, halb gefrorenen Salamischnitten, selten hat ein Hasenbrot so gut geschmeckt wie dieses. Weiter. Der Puls rast, die Pumpe rumpelt, das Weiß verliert seine Konturen. In den Verwehungen auf der Südseite des Belchen tauchen unsere Stöcke ins scheinbar Bodenlose; Zaunpfähle, die den Pfad markieren, reichen uns gerade zum Schienbein, die Schneeschuhe scheren weg im tiefen Schnee. Jeder Schritt frisst dir das Mark aus den Knochen, ich Franz die Schokolade aus der Hand. Eigentlich müssten nun Warnschilder mit der Aufschrift „Achtung, Sie verlassen die Spass- und Komfortzone” unseren (meinen) Weg pflastern. Umkehren? Zum Gipfel ist es näher.

Irgendwann schält sich das Belchenhaus konturenhaft aus dem dichtweißen Dunst. Von Zivilisationszeichen keine Spur, ein Trupp Gebirgsjäger lagert im Windschatten eines Balkons in weißen Umhängen, auch die Soldaten sind mit Schneeschuhen unterwegs. Scheint geschlossen zu sein, der Laden…. – dann aber, um die Ecke herum, schimmert der beleuchtete Eingang vor unseren Augen. Geöffnet! Rein! Kraft tanken! Im höchstgelegenen Gasthaus in Baden-Württemberg (1362 m).

Eine formlose Masse aus Eis und Schnee

Den richtigen Gipel hinterm Belchenhaus klemmen wir uns und steigen über die Hohe Kelch und die Belchenhöfe nach Neuenweg hinunter. Dort, wo die Natur ungeschützt der Westströmung ausgesetzt ist, entstehen bizarre Skulpturen. Die Äste hängen wie breite, weiße Lappen an den Fichten, der beißende Wind hat sie zu einer formlosen Masse aus Eis und Schnee verbacken. Eine lebensfeindliche Welt, in die man sich nur nach reiflicher Überlegung und intensiver Vorbereitung wagen sollte. Deshalb können wir diese Wanderung unter den geschilderten Wetterbedingungen anderen auch nicht zur Nachahmung empfehlen.

Woran es gelegen hat? Weiß nicht.
Zu langer Anlauf von Gresgen her
zu tiefer Schnee
zu alt
zu schlechte Kondition
unvernünftige Planung?
Sucht euch was aus.

PS: Um jetzt einem schlechten Eindruck vorzubeugen:  war trotzdem schön;-)

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