Ausflug in die Vergangenheit

Von Michael (Text) und Franz (Fotografie) – Wir kommen heute mal mit einem Thema, das garantiert niemand mit unserer Wanderseite in Verbindung bringen würde: Arbeiterbewegung. Weil Franz und ich so oder so mal wieder in der Zeche Zollern IV in DO-Bövinghausen vorbeischauen wollten, sind wir auch durch die Ausstellung „Durch die Nacht zum Licht? – Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013”* geschlendert. Beam me back, Scotty, in die Zeit meiner politischen Sozialisation.

Eine Überschrift, die mit einem Fragezeichen endet – im Tageszeitungsmachen eine echte Todsünde. Schließlich werden Journalisten dafür bezahlt, Antworten zu finden. Im vorliegenden Fall indes unterstellen die Ausstellungsmacher mit der Frage auch die Möglichkeit, dass die Arbeiterbewegung nach mehr als 150 Jahren immer noch alle Hände voll zu tun hat. Also treten wir ein in die „Kathedrale der Arbeit”, die wie kaum ein anderer Ort geeignet ist, ein Thema wie dieses zu präsentieren. Das LWL-Industriemuseum hat zusammen mit dem Technoseum Darmstadt und dem Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz eine wortschwere, aber aufschlussreiche und mit mehr als 500 Originalexponaten prall gefüllte Ausstellung zustande gebracht.

Kanonenbeschuss mit Hufeisen

Gleich das erste Exponat erwischt uns auf dem richtigen (Berufs-)Fuß. Es ist eine Dingler-Kniehebelpresse aus dem Jahr 1843, die – Rationalisierungsopfer im Druckwesen – einen von bis dahin zwei Druckergesellen überflüssig machte. Heute, und das wissen wir beide als joblose Zeitungsleute nur zu gut, werden noch nicht einmal Journalisten gebraucht, um die Verwertungsinteressen eines Verlegers zu bedienen. Zeitung machen geht auch ohne einen einzigen Redakteur (der sich noch auf sein Handwerk versteht).

Im Vergleich zu den elenden gesellschaftlichen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts geht es uns „ja noch gold”, wie Walter Kempowski einen Roman nannte. Armut und Not in den Jahren 1816/17 und 1846/47 führte in den deutschen Kleinstaaten zu einer Welle der Empörung, die in Gewalt umschlug. Der „Brotkrawall” von Ulm und die Erstürmung eines Backhauses in Breslau zeugen davon. „Maschinenstürmer” bekämpften die Folgen der industriellen Revolution in Gestalt effizienterer Erfindungen. Am Mittelrhein beschossen arbeitslose Treidler im April 1848 den Dampfschlepper „Mannheim” aus einer Kanone mit Hufeisen und Hufnägeln. Sehr originell, aber wenig wirksam, wie die Geschichte zeigte.

Lasalle, der Vater der Sozialdemokratie

Dann stehen wir vor seinem Bild: Ferdinand Lasalle, Vater der Sozialdemokratie. Eine Fahne seines ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein) gibt es nur als Reproduktion zu sehen, im Gegensatz zur Fahne „Schwarz, Rot, Gold” aus Anlass des Hambacher Festes 1832, die der Odem einer Reliquie umgibt. Ein „Kapital” von Marx liegt da in einer Vitrine, sein Kommunistisches Manifest (1848). Wenn heute die Rede ist von einem „Gespenst” das umgeht in Europa, denken die Menschen höchsten an Alexis Tsipras und den drohenden Grexit.

Noch eine Ikone der Sozialdemokratie: August Bebel, der „Arbeiterkaiser”. Ausgestellt werden sein goldener Siegelring und eine Türklinke aus Horn, die die handwerkliche Begabung des gelerntes Drechsler beweisen. Seine legendäre Taschenuhr fehlt. Der Legende zufolge trägt sie der jeweilige Vorsitzende der SPD, also heute Sigmar Gabriel. (Anm.: Die SPD von heute weiß jedoch nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat. Wer Gabriels Politik verfolgt, kann schon zu dem Schluss kommen, dass man heute die Kohle-Industrie vor den Urenkeln der Sozialdemokratie 〈Strafabgabe auf Alt-Kraftwerke〉 schützen muss.)

„Wenn wir an dem Amboss steh’n
wenn wir ackern, wenn wir mäh’n
wenn wir schuften für den Herrn
haben sie uns alle gern.”
Max Kegel, 1885

Es ist viel theoretischer Stoff und überbordende Information, die auf den Besucher in Gestalt von Tafeln, Auszügen und Filmen einfluten, denn die Zeit überspannt die Anfänge der Arbeiterbewegung, das Kaiserreich und die Kriegsgesetze, die Weimarer Republik, das Nazi-Deutschland und die zweigeteilten Republiken bis in die heutige Zeit. Wie Leuchttürme ragen da die historischen Exponate heraus, an die wir uns dankbar gehalten haben. Also erwähnen wir noch ein Ford Model T, die Tin Lizzy, die die Etappe der industriellen Fließbandfertigung einläutete, die Uniform des sozialistischen „Helden” Adolf Hennecke, den Gehrock von Karl Liebknecht, der zusammen mit Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 von Rechtsextremisten ermordet und in den Berliner Landwehrkanal geworfen wurde, eine Reproduktion der Nummer 1 des Vorwärts vom 1. Oktober 1876, des „Central-Organs der Sozialdemokratie”, das erste Buch der einst gewerkschaftlichen Büchergilde Gutenberg, eine Ausgabe von Mark Twains „Mit heiteren Augen” und noch eine „Rundschau”, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt: das Schweizer Exilorgan der KPD aus dem Jahr 1939, den Spielkasten „Der kleine Grossblock-Baumeister”, mit dem das kleine, neue sozialistische Menschlein in den 70-er Jahren der DDR eine komplette Plattenbausiedlung in der Größe H0 nachbauen konnte.

„Hartz IV: Wer hat’s erfunden?”

Auch wenn manchmal der Anschein einer sozialdemokratischen Wandelhalle aufzukommen scheint: Das in der Zeche Zollern ist sicher nichts für Partei-Romantiker oder „Weißt-Du-noch?”-Erzähler mit verklärten Augen. Denn die Macher haben den Titel ihrer Ausstellung nicht umsonst mit einem Fragezeichen versehen. Im Licht ist die Arbeiterbewegung jedenfalls nicht angekommen. Auf einem roten Plakat der IG Metall steht: „Leiharbeit heute und Hartz IV – Wer hat’s erfunden?”. Rente mit 67 könnten wir völlig illusionslos noch anfügen.

Wir treten aus dem dämmrigen Halbdunkel der Ausstellung ins Licht und schlendern über die weiträumige Anlage des Industriemuseums. Draußen viel Alteisen. Wie wir.
* bis 18. Oktober 2015, geöffnet di-so von 10-18 Uhr, Erwachsene 5, Kinder und Jugendliche 2 Euro Eintritt.

Franz_Michael_klein

 

 

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