Über’m Suppenkessel

Von Franz (Fotografie) und Michael (Text) – Bei der Fahrt nach Windhausen kann man schnell auf dem bzw. in Holzweg landen. Gleichnamiges Örtchen oberhalb von Attendorn ist ein einziger Verhau aus Kreiseln, engen Sträßchen und Gäßchen, dass einem Ortsfremden wuschig im Kopf werden kann. Aber dann!

„Ist das nicht wundervoll? Dafür alleine hat sich schon die Tour gelohnt”, schwärmt Franz und meint diese einzigartige Konstellation aus tief waberndem Nebel über dem Biggesee und dem strahlend blauen Himmel darüber. Inversionswetterlage. Kannste an diesem Tag abba nur von den Höhen des Sauerlandes sehen. Die Schlendersektionen Dortmund und Sauerland haben sich natürlich mit treffsicherer meteorologischer Intelligenz eine Teilstrecke des Höhenflug-Weitwanderweges mit Startort Windhausen ausgesucht.

Wie von Reinhard Mey besungen

Dort oben, über den Wolken, ist es genau so, wie es Reinhard Mey besungen hat. Vier Menschen fühlen sich erleichtert und frei und genießen diese Traumaussicht. Der ein oder andere Einheimische schaut schon entgeistert auf diese Figuren auf der Wiese, die ergriffen dastehen (Gudrun und ich) oder fotografieren (Franz und Martin), bis der Speicherchip dicke Backen bekommt. Während der ersten Kilometer richten sich unsere Blicke immer wieder nach rechts auf dieses Schauspiel.

Der Tatort als Geisel der Regisseure

Als Augenmenschen, die wir sind, kommen wir nebenbei auf die cineastischen Höhen (Das finstere Tal, grandios düsterer Alpenwestern im ZDF) und Tiefen (Tatort „Wer bin ich?” mit Ulrich Tukur, ARD) des sonntäglichen Fernsehabends. Einmütige – meine – Meinung: Langsam reicht es, dass diese einsame Ikone des deutschen Qualitätsfernsehens – ich sage nur: Dortmund! – von wechselnden Tatort-Autoren und -Regisseuren als Geisel genommen wird.

„Gilt besonders für Jäger”

An der Vierweg-Kreuzung stoßen wir auf die bislang ungewöhnlichste Nutzung eines Schutzhäuschens als Adventskalender. Post-it-Zettel mit Wünschen und Sprüchen zieren die Wände, eine zurückgelassene Amaretto-Flasche lässt auf weibliche Urheberinnen schließen. Intelligent sind sie schon, diese unbekannten Menschen. Eine mahnende Tafel des Deutschen Jagdschutzverbandes („Nehmt Rücksicht aufs Wild”) haben sie handschriftlich und sehr scharfsinnig ergänzt: „Gilt besonders für Jäger”, die derzeit allerorten ihre Büchsen laden.

Hinter der Wegekreuzung erblicken wir eine mit farbigen Eiern geschmückte kleine Fichte. Tja, Leute, nach Weihnachten kommt der Ostermann! (Ist ne Radio-Werbung des in Witten beheimateten Möbelhauses). Es folgt: wieder ein berührender Blick auf den luftigen Suppenkessel über dem Biggesee. Er ist vollständig mit Weiß überzogen, es ergießt sich bis in die schmalen Seitentäler.

Vorgezogene Frühjahrsmüdigkeit

Mann, ich glaub‘ es nicht! Ein Geißblattstrauch treibt frische Blätter aus, dazu müssen Martin und ich immer wieder ausgiebig Gähnen, trotz frischer Luft. Muss sich wohl um einen Fall vorgezogener Frühjahrsmüdigkeit handeln. Hätten wir uns das träumen lassen, Ende Dezember in Hülschotten bei milde lächelnder Sonne auf einem Kinderspielplatz picknicken zu können? Wir wundern uns aber nicht, an dem langen, sonnenexponierten Hang unterhalb des Weilers Sonneborn (!) auf blühendes Kreuzkraut und fröhlich zwitschernde Stare in den Bäumen zu stoßen. „Sind Teilzieher“, meint Franz, zunehmend überwintern die Vögel auch im milder werdenden Deutschlandwinter. Zurück auf dem Kamm oberhalb Windhausens: Nur ein Hauch von Nebel liegt unter uns, allenfalls Gespinste modellieren das Relief der 1000 Berge heraus.

„Hängen da auch Glocken drin?”

Optisch sehr interessant, resümiert Franz die Strecke, weil a) super Kulisse, b) mal wieder mit weiblichen Anteilen unter den Schlenderern, und c) eine Kirche in Windhausen, die architektonisch aus dem üblichen Rahmen fällt. Kann wirklich nicht katholisch sein, so ein fortschrittlich-schlicht gestalteter Bau mit einem schmalen, pagodenähnlichen Kirchturm als nebenstehendem Solitär. Verfl… ixt, ist er doch, es ist die St.-Antonius-von-Padua-Kirche. „Hängen da auch Glocken drin?“ fragen wir einen Vater, der seine kleine Tochter auf wackeligen Inlinern stützt. „Ja“, erwidert er. „Müssen aber kleine sein“, fügen wir an. „Für Windhausen reicht’s“, meint er lapidar.

Franz_Michael_klein

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