„Das Sauerland verführt zur Poesie“

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Mann, haben die hier in Wenholthausen skurrile Namen für Wanderörtlichkeiten! Teufelstanne, Hammerkotten, Frethölzchen, Windknochen. Sie, und noch viel andere mehr, stehen auf den Wegweisern hinter der Wennebrücke in Wenholthausen.
Franz und ich erwischen einen wunderschönen, am Morgen noch arschkalten (5°) Herbsttag zu unserer Tour.

Wir laufen zunächst entlang der Wenne und erfahren auf den Infotafeln am Rande: Hier hat mal ein früherer Kollege von uns gewirkt, Reinhold Hesse, als es die ehrliche Westfälische Rundschau noch gab (nach 2013 nicht mehr). „Das Sauerland verführt zur Poesie“, schrieb er. Hesse verstarb früh (1993), schrieb neben seinem Brotberuf für Westfalenpost, WR und Homertkurier Geschichten, Erzählungen, Theaterstücke, Büttrenreden u.a. in schönstem Siuerlänner Platt und hatte einen Humor, der vermutlich auf Heinz Erhardt gründete. Beispiel gefällig?

Ein Gedicht, ein Gedicht!

„Unter einer Weißdornhecke saß eine kleine Weinbergschnecke.
Sie war im festen Glauben, die Schlehen seien Trauben und dacht‘ für sich – ich muß hinauf und schleimt sich an dem Stamm herauf.
Zwei Tage hat der Marsch gedauert, doch oben hat sie‘s sehr bedauert.
Ein Spatz saß in der Weißdornhecke und fraß die kleine Weinbergschnecke.
Wie manchem geht es ebenso der quietschvergnügt und lebensfroh, meistens aber abgefeimt, sich nach oben hat geschleimt.
Wie gerne hätt‘ er dort gesessen und wurde einfach aufgefressen.“

Der Weg entlang des renaturierten Flusses ist gespickt mit den Schnurren Hesses und glitzernden Spinnweben. In den weitläufigen Wiesen dampft der Nebel und unser Atem treibt in duftigen Wölkchen vor uns her. Dazu der träge Lauf der Wenne – einmalig an diesem Morgen. Die Sonne blitzt und funkelt auf dem Fluss.

Wir treiben dahin

Wir treiben dahin und verlieren uns in Gesprächen über Bücher (Bonnie Garmus’ „Eine Frage der Chemie“ – tolle Erzählerin, und Delia Owens’ „Flusskrebsen“ sowie über die Qualität der Filme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Streamingdiensten. Auf Disney + läuft die fulminante Serie „Godfather of Harlem“ mit Forest Whitaker in der Hauptrolle des schwarzen Mafia-Gangsters „Bumpy“ Johnson, übrigens einer realen historischen Figur, ebenso wie Cassius Clay, Malcolm X und weitere, die in der Serie auftauchen. Hier stimmt alles. Ausstattung, das gesamte Setting, gestochen scharf der Film, der spannende Plot, während die „Tatorte“ im Ersten noch nicht einmal mehr eine vernünftige Ausleuchtung und einen verständlichen Ton zustande bringen und vermeintlich Stimmung suggerierende düstere digitale Farbfilter bemühen. „Von den Drehbüchern mal ganz abgesehen“, ergänzt Franz.

Pilze, aber im falschen Kleid

Der Hammerkotten im „Moithmecker Säipen“ holt uns in die Wirklichkeit zurück. Das kleine Miniaturdorf ist jetzt wirklich ein Freiluftmuseum. Der einst es umgebende Wald: weg. Das Hüttenbuch ist voller lieber Grüße und einer schicken, mit Kuli ausgeführten Wolfs-Zeichnung.
Unterwegs treffen wir auf zwei Gleichgesinnte. Auch sie kennen hier alle Touren und wir schlendern weiter in der frohen Erkenntnis: Es gibt noch mehr als Franz und mich, die durch das Land stöbern. Wir genießen immer wieder weite, schöne Ausblicke, die sich manchmal mit schmalen, begehbaren Linien abwechseln, die sich durch Grün schlängeln. Und ja, die ersten Pilze kommen. Wenn auch im falschen Kleid mit rotweiß gesprenkeltem Hut…

Das Sahnehäubchen zum Schluss

Das abschließende Päuschen am Esmeckestausee hat „Aufenthaltsqualität“, wie Franz meint. Joo, stimmt! Die Sonne wärmt, der See liegt spiegelglatt und ruhig und wir genießen unseren Seelenfrieden. Der Restweg an der Wenne entlang zurück nach Wenholthausen ist für unsere Tour das Sahnehäubchen obendrauf.

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