Ein toller Kammweg

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – So ist das, sagt der Sauerländer, wenn etwas so ist. Wie der unvermeidliche Güllegeruch im Frühjahr, wenn der Bauer seine Wiesen mit den stinkenden Hinterlassenschaften seiner Viecher düngt. In Visbeck, wo wir uns aktuell befinden, hat er die weite, geschwungene Landschaft, die von den Ortsansässigen „Caller Schweiz“ genannt wird, gleichsam mit braunen Duftteppichen tapeziert. Da kann man es dem Hund in den weiten Auen, der olfaktorisch animiert gleich den Buckel krumm macht, nicht verdenken…

Wir tauschen uns lieber über Bücher aus. Benedict Wells sollte man im Auge behalten, meint Franz. „Hard Land“ wird von den Feuilletons gelobt, was nichts zu bedeuten hat, Franz hat „Vom Ende der Einsamkeit“ gelesen und war nicht überzeugt, weil: zu sehr auf der Saite der Gefühligkeit gespielt. „Mädchen, Frau etc.“ von der ersten schwarzen Schriftstellerin, die 2019 den Booker-Preis gewann, fällt schon deshalb aus der Verlosung alter, weißer, lesender Männer, weil Bernadine Evaristo ohne Punkt und Komma schreibt, so sehr ihr Thema uns auch am Herzen liegen mag. Eine Writers writer. „Schreckt ab“, sagt Franz.

Die *Innen-Architekten

Genauso wie der Glottisschlag, die kurze, stimmlose Pause in einem Wort, die sich zunehmend auch im Radio und im Fernsehen Gehör verschafft. Wir haben hier über die *Innen-Architektur der Sprachverhunzer schon ausreichend gelästert. Auch Claus Kleber verschluckt sich im ZDF-heute-journal tapfer an Politiker*innen und Ärzt*innen, etc. Wir warten auf den Satz: Die Mörder*innen von Frauen sind hauptsächlich Männer. Im Hause Deutschlandfunk / DLF Kultur / nova macht ohnehin jeder Moderator*in, was er will. Mal mit, mal ohne Genderstern gesprochen, ein zerrissenes, inhomogenes Klangbild.

Eskens SPD, eine andere

Was dabei herauskommt, wenn eine kleine intellektuelle Elite an der Mehrheit der Deutschen vorbei es einer noch kleineren Randgruppe recht machen will, konnte man die Tage sehr schön am Streit zwischen Wolfgang Thierse (SPD) und Saskia Esken/Kevin Kühnert (auch SPD, aber eine andere) beobachten. Der Alt-Bundestagspräsident hatte sich im einem Essay zur Identitätspolitik der Partei in der FAZ über eine zunehmend aggressive Debatte über Rassismus und Gender und eine damit einhergehende Verbotskultur beklagt, die die Zugehörigkeit zu sexuellen und anderen Minderheiten höher stellt als die Betonung von Gemeinsamkeiten. „Beschämend, rückwärtsgewandtes Bild“, war der Vorwurf der Kontrahenten.

Leicht störrisch sind wir auch

Thierse sagte in diesem Zusammenhang zwei sehr schöne Sätze, einer davon zutiefst original sozialdemokratisch getränkt: Wichtiger als Sprachänderung sei es, die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen, den gender pay gap, zu beseitigen. Den anderen können wir, weil wir ebenso „leicht störrisch“ sind wie Thierse, nur unterstreichen: „Mit mir müssen Sie in der alten deutschen Sprache reden. Sonst verstehe ich Sie nicht.“

Kammlange Holzlagerplätze

Aber wir sind nicht zum Politisieren, sondern zum Wandern in Visbeck. In der Caller Schweiz, benannt nach dem benachbarten Ort Calle, dominieren sanft gestreckte Wellen mit Wiesen und Äckern, dazwischen erheben sich Bergkämme mit fossigen Fichten, sofern überhaupt noch welche stehen. Seit der Borkenkäfer in den Höhen bis 500 Metern Stammgast ist in den Fichten, hat er abgeräumt. Bei Frenkhausen ist ein fast ein kompletter, kilometerlanger Kamm nur noch ein Holzlagerplatz, die Stämme liegen gefällt wie auf einem Schlachtfeld.

Kraniche, so nah!

Dass es früher auch anders ging als mit Fichtenmonokultur, zeigen die Naturschutzgebiete Niederwald Hardt und Niederwald Odin. Laubwälder wurden über Jahrhunderte immer wieder auf den Stock gesetzt, so dass mehrtriebige Bäume wuchsen, die in in den Folgejahren erneut geschlagen wurden als Brennholz oder für Kohlenmeiler. Im NSG Hardt balanciert ein Trampelpfad allerliebst über einen langen Kamm und es findet sich sogar eine Bank zum Rasten. Milane, Kolkraben (Franz kennt sie) und ein kleiner Trupp Kraniche trudeln dicht über unseren Köpfen vorbei, so nah! „War das wieder schön“, strahlt Franz nach ausgiebigem Fotoshooting.
Unverhofft kommen wir erneut in den Genuss eines Höhenpfades über das NSG Odin. Warum der SGV Calle die Hardt-Tour nicht über den Kamm gelegt hat, sondern über einen matschigen Forstweg, bleibt ein ungelöstes Rätsel.

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