Wattig durchs Steinerne Meer

Von Michael
ICH. KANN. NICHT. SCHLAFEN! Nicht, wenn einer im Siebener-Bettenlager in einer alpinen DAV-Hütte alles über Berchtesgaden bis zur alpinen Baumgrenze nachts wegsägt. Trotz des gelungenen Abends nach unserer ersten Etappe im Kärlingerhaus habe ich kein Auge zugemacht in der Nacht.*
Der Vorteil von schlaflosen Stunden: Man braucht nicht aufwachen… Nachteil: …ist aber dermaßen durch den Wind, dass sich das Steinerne Meer, das wir nach dem Frühstück durchsteigen, wie die Beine anfühlt wie Watte.

Wogen aus Kalk

Ein karstiger, riesiger Gebirgsstock, durchsetzt von zig Höhlen, so türmt sich das Steinerne Meer hinter dem Kärlingerhaus auf. Wogen aus Kalk mit grünen Schaumkronen scheinen sich auf den Wanderer zu stürzen. Der Weg in die versteinerten Wellen ist blockig, mit Kraft müssen Steilstufen bewältigt werden. Jo, flüssig ist der Steig auch, Rinnsale fließen unter unseren Stiefeln. Pulloverschweine aka Schafe stehen im Weg, das Meer ist grau und diesig und hier möchte ich nicht verloren gehen, wenn sich plötzlich dichter Nebel über die Hochebene senkt. Keine Bojen, keine Leuchttürme. Small-talk im Steig: „Ihr habt aber einen ganz schönen Zug am Leib“, meint einer der zu uns gestoßen ist mit Rückblick auf den Hüttenabend. Joah, ham wer. – „Respekt, dass ihr auch danach auch noch gut steigen könnt.“

Noch größere Wanderraupen

Wie auch am Vortag sind wir nicht allein im Steinernen Meer. Zwei, drei weitere Wandergruppen überholen uns, es gibt sogar noch größere Wanderraupen als unsere: Eine mit 16 Köpfen und 32 Beinen zieht an uns vorbei, kämpft kurz mit dem Anstieg und verschwindet hinter dem Wellenkamm. Am Riemannhaus treffen wir sie wieder.
Hier, unter dem fulminanten Turm des Sommersteins, schmiegt sich die Hütte in die Ramseider Scharte, die spektakulär zur österreichischen Seite nach Saalfeld und Maria Alm hin abfällt. In dem scharfen Einschnitt weht uns eine steife Brise um die Ohren. Im Riemannhaus gibt es neben einer Stärkung sogar eine Steckdosenleiste, an der mehr als vier Handys Saft nuckeln können. Zum störungsfreien Telefonieren muss man aber wieder ein Stück zurück hochklettern.

Der Sommerstein, ein Monolith

Der Abstieg ist ausgesetzt, mit tiefen, atemberaubenden Blicken in die grünen Tal-Abgründe, die Steilstufen sind versichert mit Stahlseilen. Zurück über uns der monolithisch aufragende, ocker-graue Sommerstein. Warum aber Wanderer auf dieser extrem steilen Seite zum Riemannhaus hochsteigen, erschließt sich uns nicht. Karin, unsere Führerin von Alpine Welten, erzählt: „Bei der Almer Wallfahrt steigen die Pilger von Maria Alm über die Ramseider Scharte auf und über das Steinerne Meere und die Saugasse hinunter nach St. Bartholomä.“ In einem Hieb. Ich weiß schon jetzt: Das war‘s. Nicht wegen der 1100 Meter Abstieg in ekligem, gerölligem und sturzgefährlichem Gelände, sondern wegen des scheiß wattigen Gefühls.

Die besten Weißbiere in einer kalten Tränke

Unten wartet ein Taxibus, der uns in einer Stunde von Maria Alm nach Ferleiten und weiter ins Käfertal fährt. Selbst die mickrigen 250 Höhenmeter bis zur, so wird sie gepriesen, „urigen Trauneralm“, zieht mir das Mark aus den Knochen und auch die mit besten Weißbieren gefüllte Tränke vor der Hütte muntert nicht auf. Gaanz schlechtes Zeichen! Draußen, auf der Terrasse, umweht uns der landadelige Duft hausnaher Viehhaltung, über uns ragen wuchtig die Dreitausender der Hohen Tauern auf. Sonnenwelleneck (3261 m), Fuscherkarkopf (3331 m), Dock (3348 m), Großes Wiesbachhorn (3564 m) – Hammer!

Hammer, die Dreitausender!

Die Alm wird übrigens zusammengehalten aus unzähligen Spinnweben, einem Badezimmer, einem holzgestochten Speisezimmer, ziemlich vielen rostigen Nägeln im braunen Holz und dem zähen Willen von Sissi, der Almbetreiberin. Die Schlafräume mit karierten, rotweißen Bettbezügen und Einzelbetten: Luxus gegenüber Bettenlagern in den Alpenhütten. Was würde die Lokalzeit von WDR3 Siegen bei ihren Freizeittipps sagen: „Musste hin!“

Einer fährt zurück – musste mit!

Eine super Flanke, in die ich nur den Fuß stellen muss: Stephan aus Sporke stößt an diesem Nachmittag verspätet zu unserer Truppe, sein Bruder Thomas fährt am nächsten Tag zurück ins Sauerland. Musste mit!
Tja. Leistungsminderung nach Corona, die sich erst nach drei Monaten manifestierte, meinte die Hausärztin, dazu Schlafprobleme, manche kommen einfach nicht zur Ruhe in den engen Mehrfachlagern auf den Alpenhütten, sagt Karin. Zusammengenommen schlechte Voraussetzungen für eine solche superschöne Tour. Schade! Aber ich habe es wenigstens versucht. Tschüss, Jungs, und viel Erfolg!
* Spoiler: Der Schnarcher war keiner von unserer Truppe des SSV Elspe.

 

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