Die Sonnenblume reaktivieren

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Die Wanderung fängt quasi mitten im Mist an, echt jetzt. Ein Landwirt hat seine Rinder zwischen uns und den Weg platziert, uns bleibt nichts anderes übrig, als über die Zäune zu klettern und durch die Kuhscheiße zu stiefeln.
Dahinter geht es auch nicht so richtig weiter. Ein grasiger, nasser Weg, zugewachsen und mindestens seit einer Trillion Jahre nicht mehr begangen und Stacheldrähte, die nach den Kronjuwelen stechen. Aber Franz sagt: Die Strecke habe ich von einer Wanderplattform geladen. „Interessante Landschaft“, bemerkt er dazu. Mh, interessant.

Ausstieg aus dem Atomkraftausstieg?

Ach so, wir sind in Schmalenbach, einem Weiler, Halver zugehörig. Die Gegend ist offen, sanft geschwungen, agrarisch geprägt und genutzt. Und man kann weiter gucken als im Sauerland. Schon nach wenigen Minuten erreichen wir die Löhrmühle, ein nicht mehr ganz funktionsfähiges Denkmal. Franz fotografiert leuchtend gelbe Sonnenblumen, DAS Symbol der Antikernkraftbewegung und damit sind wir bei einem ganz anderen Thema.

„Steile These“

Theo Sommer, früherer Herausgeber der Wochenzeitschrift Die Zeit, hatte passend zum brandneuen Bericht des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) mutmaßt, Deutschland käme jetzt nicht um den weiteren Betrieb der sechs CO2-ausstoßfreien Atomkraftwerke umhin, wolle es die 1,5-Grad-Grenze nicht reißen. „Wir brauchen die Atomkraft noch“, schreibt er, „die sechs Kernkraftwerke zunächst weiterlaufen zu lassen, würde von 2023 an eine jährliche Einsparung von 90 Millionen Tonnen CO2 ermöglichen. Das wäre ein konkretes und sofort wirksames Klimaschutzprogramm.“ Also Ausstieg aus dem Atomkraftausstieg*. „Steile These“, meint Franz. Sollen wir, rein vorsichtshalber, ein paar von den Anti-AKW-Symbolen mitnehmen?

„Wirklich eine schöne Landschaft”

Von den 1500 Windkraftanlagen, die ein Atomkraftwerk leistungstechnisch ersetzen (vorausgesetzt, der Wind weht) sollen, könnte man schon mal eine Menge in die Gegend um Halver setzen. Hier ist nichts los, die Orte, Weiler und Höfe liegen versprengt in der Gegend, hier möchte man ganz sicher nicht Zeitungszusteller sein. Wir treffen auf fast keine Menschenseele, von einem Geothermie-Bohrtrupp und ein paar Straßenbauern mal abgesehen. Einige der kleinen Dörfer haben gepflegte Anliegen und Häuser und vielleicht deshalb möchte man lieber unter sich bleiben: Rote Stopp-Schilder an den Grundstücken – „Privat“ – wehren zwielichtige Wanderer wie unsereinen ab. Franz wiederholt sich noch mal: „Doch wirklich eine schöne Landschaft.“

Wir hauen rein

Jau, du hast Recht. Wir serpentinen einen schmalen Steig durch den Wald hoch, oben lugen Rehbock und Ricke uns entgegen und ein kleiner Spanner zieht unser Interesse auf sich. Ein Nachtfalter, sagt Franz, also niemand der Frauen hinterherspechtelt. Weiden, Bachtäler, Teiche, Pfade und Wiesen, auf denen eine Herde Pferde grast. Viele Gäule zum Verdreschen, wenn man Olympiateilnehmerin im modernen Fünfkampf oder Trainerin („Hau richtig drauf“) wäre. Wir hauen nicht drauf, sondern rein: In Niederbuschhausen finden wir endlich eine Bank, denn unsere Mägen knurren schon seit einiger Zeit. Die letzte Bank, rund 250 Meter vor dem Ausgangspunkt Schmalenbach, nehmen wir auch noch mit.
* Nicht, dass die Sozialdemokratie jetzt hastig ihr altes Godesberger Programm exhumiert, in dem die Atomkraft als „Hoffnung dieser Zeit“ gepriesen wurde.

Anmerkung: Wir haben die von uns gewanderte Tour nachträglich umgebaut und den Startpunkt nach Eicherhofermühle verlegt. Siehe Tourenbeschreibung in outdooractive.

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