RIP Charlie Haden

Leicht und nicht immer ernst, auch uns selbst gegenüber nicht, soll der Ton sein, den wir auf unserer Seite anschlagen. Manchmal erschüttern aber auch uns Nachrichten, wie die vom Tod der amerikanischen Bass-Legende Charlie Haden. Eines seiner zahlreichen Werke, die Live-Aufnahme „Night and the City” aus dem New Yorker Jazzclub Iridium mit dem Pianisten Kenny Barron, zählt zu meinen Alltime Favorites.
Das Album aus dem Jahr 1996 ist der perfekte Ausklang eines Wandertages, wenn man sich, gestärkt und wohlig matt, mit einem Glas Roten oder einem anderen favorisierten Drink ins Wohnzimmer verzieht.

Night and The City. jpc

Night and The City. jpc

Mehr als 70 Minuten intensiver, romantischer Dialog zweier Ausnahmemusiker über bekannte (Spring is here, Body and Soul, You don’t know what Love is, The very Thought of you) und selbst geschriebene Themen, allen voran Kenny Barrons Twilight song und Hadens Komposition (Waltz for Ruth) für seine zweite Frau, Sängerin und Produzentin Ruth Cameron-Haden, von der er einmal sagte, sie habe ihm das Leben gerettet. Das Publikum lauscht verzückt, hin und wieder klirren Besteck und Gläser und fein auflösende Musikanlagen versetzen den Hörer mitten in diese zauberhafte Clubatmosphäre des Iridiums (man bekommt dieses äußerst empfehlenswerte Album derzeit preiswert bei jpc).

Der Bassist als linker Flügelspieler des Jazz

Der amerikanische Bassist Charlie Haden verstarb im Alter von 77 Jahren an den Spätfolgen einer Polio-Erkrankung. Foto-Credits für beide Haden-Aufnahmen: Thomas Dorn/Universal

Der amerikanische Bassist Charlie Haden verstarb im Alter von 77 Jahren an den Spätfolgen einer Polio-Erkrankung. Foto-Credits für beide Haden-Aufnahmen: Thomas Dorn/Universal

Das ist nicht mehr der aufbegehrende Free-Jazzer, wie man ihn von einem seiner früheren Werke kennt, etwa dem Album The Golden Number aus dem Jahre 1976, für das er Duette mit Größen wie Don Cherry, Archie Shepp, Ornette Coleman und Hampton Hawes einspielte. Hadens Empörung richtete sich nie nur gegen Strukturen des Jazzs, er artikulierte immer wieder, unter anderem mit dem Liberation Music Orchestra, seinen Unmut über politische Entwicklungen in den USA und der Welt. Zuletzt 2005 mit dem Album „Not in our Name” gegen den Konservativismus und die radikale Art und Weise von Bush jr., Probleme in der Welt mit Gewalt zu lösen. Musik gegen Missstände, der Bassist als linker Flügelspieler des Jazz.
Sicher, es ist an dieser Stelle eine steile These, Jazz mit dem Thema Wandern zu verquicken, aber diese Verbindung hat, nicht nur wegen der Zuneigung zu und dem Respekt vor Charlie Hadens Musik, durchaus eine starke Berechtigung. Jazz beziehungsweise die improvisierte Musik, als die er einmal galt, ist keine erwartbare Musik, er geht nie gerade Wege, er schweift ab, versteigt sich in Sackgassen, kehrt aber immer in Schleifen auf sein Ursprungsmotiv zurück. Wenn es genau das ist, was Jazz ausmacht, dann erleben wir das intensiv auch auf unseren Touren, die Neugier, wohin unsere Kraft uns tragen wird, die Ungewissheit vor der nächsten Biegung, das Glück und die Sicherheit, im jeweiligen Wanderpartner einen timekeeper wie Haden an seiner Seite zu haben, der einen zuverlässig über die Strecke bringt.

Die Note spielen, die es braucht

Musikalisch mögen die Experten Charlie Haden und sein Gesamtwerk werten, seinen Stellenwert einordnen in die Geschichte des Jazz. Wir können nur sagen: Wir lieben seine Musik, seinen reduzierten Ansatz, keine überflüssige, sondern genau die Note zu spielen, die es braucht, und den warmen, holzig-organischen Ton seines Basses. Das wird uns fehlen, ganz ehrlich. Rest in peace, Charlie!

Michael_Autor

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