Noch ne Furt

Von Michael (Text) und Franz (Fotografie) – Pöppelsche? Ist das ne sächsische Verniedlichungsform für ein weibliches Hinterteil? Zutrauen würde man es den Sachsen, ei verbibbsch. Wir schlendern zwar beharrlich um nicht jugendfreie Zonen herum, aber mit den sanften Rundungen, das käme schon hin, bei dieser Tour im geologisch höchst interessanten Pöppelschetal bei Anröchte.

Vermutlich wäre die Tour an die Schnittkante von Soester Börde und Haarstrang für die Schlenderer (aka Franz and me) eine Fahrt ins Blaue, weil zumindest ich keine Ahnung vom Zielgebiet habe, denn Martin von der DAV-Sektion Dortmund hat heute die Streckenplanung übernommen. Aber es müsste nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn Franz nicht trotzdem eine Karte dabei hätte. Und… da zückt er sie auch schon. Echt phett, Leute, mit zwei Pfad-Findern unterwegs zu sein!

Ein sogenanntes Temporärgewässer

Der zweite Abstrich an der „Fahrt ins Blaue”, worunter sich man einen 50er-Jahre-Bus mit lustiger Besatzung vorstellen muss: Wir steuern geradeaus ins Milchige. So eine eingeschränkte Sicht kann auch was Tröstliches haben. Aber wir wollen nicht sticheln, denn der Dunst verleiht der Gegend einen apart-geheimnisvollen Anstrich.

Die Pöppelsche ist eine sogenannte Schledde, ein Temporärgewässer, das nur im Winter oder nach heftigen Regengüssen dauerhaft Wasser führt. Im Sommer fließt sie durch unterirdische Klüfte, die ihre Kraft im Verlauf von Jahrtausenden in den Kalk des Haarstrangs gewaschen hat, und kommt erst am Dauerquellhorizont an der B1 wieder ans Tageslicht; der eigentliche Lauf fällt bis zu 250 Tage im Jahr trocken. Weil es so etwas Eigenartiges in NRW nur selten gibt, steht das gesamte, 450 Hektar große Trockental unter Naturschutz. Der Neuntöter nistet hier, der Pirol, der Baumpieper und die Dorngrasmücke, der Feuersalamander huscht unter den graugrünen Kalkplatten umher, es gibt Gelbbauchunken und Molche, Halbtrockenrasen, wild wachsenden Thymian, Hauhechel und Natternkopf.

Güller und Pöppelsche vereinen sich

Wir folgen dem Lauf der Pöppelsche, stehen alsbald vor einer breiten Furt und balancieren über einen schmalen Steg hinüber. Wenig später: wieder ne Furt, diesmal lang (Überlegung: Furt gleich sauerländisch für Hintern gleich sächsisch Pöppelsche? Nee, ne?). Hier treffen Güllerbach und Pöppelsche zusammen und nehmen den gesamten Weg ein. Von weitem sieht der breite, glänzende Bachlauf aus wie ein Stück Asphalt mitten im Wald. Gottseidank ist es an diesem Morgen noch bodenfrostig, sonst versänken wir im umliegenden Morast bis an die Knöchel.

Die dritte Furt ist deutlich tiefer

Anschließend kurvt die Pöppelsche durch die Landschaft, dass es eine wahre Pracht ist, und wir kurven mit. Als ob der Haarstrang hier Anlauf nähme, um sich zum Sauerland aufzuschwingen. Wir nehmen die Parade einer Reihe Pappeln ab, deren Häupter mistelgekrönt sind. Dann: noch ne Furt, diesmal deutlich tiefer, eiskalt und graugrün gurgelt die Pöppelsche vorbei. „Wir haben Glück”, meint Martin, denn die Brücke über den Bach sei erst im Vorjahr wieder aufgebaut worden, „sonst hätten wir ein Problem.” Im Wiesental bewundern wir alte Kopfweiden, die regelmäßig frisiert werden und nehmen Kurs auf den Anröchter „Felsendom”, vorbei an einer Dolomitfirma. Der berühmte Anröchter Stein, als Anröchter Blau und Grünstein, liegt hier in mächtigen Stücken herum. Wenn das Tortenstücke oder Faustkeile sein sollen, müssen die dazugehörigen Urmenschen riesig sein.

Wir mäandern durch die Landschaft

Wir gehen oberhalb des Bachbettes, den sich die Pöppelsche in die Landschaft gefressen hat, etwas zurück. Neben den Anröchter Steinen hat hier noch etwas riesige Dimensionen: die Felder, allenfalls gesäumt von Hecken oder Baumreihen. Gut, ein amerikanischer Farmer hätte dafür nur ein müdes Lächeln übrig, aber ein Anröchter Bauer darf seinen Traktor getrost auf Geradeauslauf stellen und pflügt eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück. Rechter Hand, schemenhaft im milchig-opaken Dunst, die Silhouette der Erwitter Zementwerke. An der Frankenkapelle, errichtet 1872 bis 1874 von Herrn Schlüter (alias Franke), der hier ein mysteriöses Licht gesehen haben will, biegen wir ab. Stromern im Tal der Güller, die fast völlig trocken liegt. Nur vereinzelte Pfützen verraten hier den Bachlauf, Hochwassermarken erinnern daran, dass der Pegel hier schlagartig ansteigen kann wie in den Wadis der Sandwüsten. Wir schenken einer schwindsüchtigen Knüppelbrücke unser Vertrauen, mäandern noch eine ganze Weile in der Landschaft herum und lassen uns gemächlich zurücktragen zum Ausgangspunkt.

Franz_Michael_klein

 

 

 

 

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