Das Aussichts-Reich

von Michael (Text) und Franz (Fotos)

– Manchmal fallen auch Legenden wie wir auf einen Mythos herein. Genau das ist uns passiert, als wir uns eine lange Teilstrecke des Mythenwanderwegs im Hawerländer Sauerland (liegt zwischen Schmallenberg und Bracht) vorgenommen hatten. Die wunderschöne Route wird dem Motto, mit dem sie beworben wird, kaum gerecht. Es fehlen am Wegesrand die Inszenierung und die Erläuterung von Sagen und Mythen, die man als neugierig gewordener Wanderer erwarten darf. Gibt’s eine Erklärung dafür? Möglicherweise.
Wir schwingen ein in die Tour in Bracht, um in einem langen Bogen im Landenbecker Bruch auf den Mythenweg zu stoßen. Erste gefühlte Eindrücke auf dem Schmallenberger Stadtrundweg hinter Bracht: Allerlei Insekten und Kleingetier inspizieren die nackten Kalkstangen, die durch das ungehindert wuchernde nasse Gras staken. Rauf auf die Höhe, an Waldsäumen entlang, hoch über wogenden Wiesen, der Blick gefesselt von offener, weitschwingender Landschaft. Ein wahres Aussichts-Reich. Dazu blauer Himmel, sonniges Wetter, totales Grün – echte Sommerfrische (Anm: Diese reizenden Umstände hatten wir vom Mythenweg jedoch keineswegs erwartet oder verlangt ;-)). 

Null Mythen, keine Trolle

Mit der Zeit schleicht sich trotz unbeirrt guter Aussicht leichte Enttäuschung ein: genau null Mythen, nicht mal Trolle, wenn man von drei Sauerländern auf Mountainbikes absieht, die uns müde passieren. „Allgegenwärtige Überreste einer reichen sauerländischen Mythenkultur, archaische Bräuche und Sitten”? – Ja, wenn man die allgegenwärtigen Schützenfeste dazu zählt.

Überraschung in der Wehrkirche

In Berghausen haben wir echtes Schwein: Vier freundliche junge Menschen buttern vor der Wehrkirche St. Cyriakus, die in den Jahren 1200 bis 1220 entstanden ist. Es sind Kirchenmaler/innen und Restauratorinnen, die die Schäden an den Wandgemälden des romanischen Gebäudes dokumentieren und die Bilder restaurieren. Wir gehen in den Journalistenmodus und zücken Kamera, Stift und Block.
Was ist das Weiße an dem Rundbogen? „Das ist Buchenzellulose mit destilliertem Wasser, sie nimmt Salzausblühungen auf”, erwidert Maria. Wände und Gemälde werden gereinigt, Schimmel und Mikroben entfernt, die Bilder mit Strichretusche aufgearbeitet. „Die Farben waren früher einmal kräftiger”, sagt sie.  Das Gemälde in der Chorapsis stammt aus dem Jahr 1250. Die Kirche wurde im romanischen Baustil errichtet und später „barockisiert, wie die Kirche in Wormbach”, sagt Ralf Jakoby, „in Berghausen wurde romanisch zurückgebaut, als die Malerei in der Chorapsis entdeckt wurde, sie ist in Europa einmalig.” Dargestellt ist unter anderem die heidnische, weil römische Glücksgöttin Fortuna mit dem „Rad der Zeit”. Das junge Team arbeitet mit Kalkfarbe und -mörtel, was heute rares Expertenwissen darstellt. „Der Kalk bringt Luftigkeit hinein, einen ganz besonderen Touch”, sagt Jakoby. Die bis zur Decke eingerüstete Kirche bleibt wegen der Restaurierungsarbeiten noch bis September geschlossen. Mehr darüber hier: romanische-kirche-berghausen.de

Katholiken können Kirche

Wir ziehen weiter über Ebbinghof, bemerken prächtige Stinkmorchel am Wegesrand und sinnieren: Junge Morchel gleich Hexenei, sprich: ersatzmythisches Symbol? – dann zur Wormbacher Kirche, der Urpfarrei des Sauerlandes. Barockisiert? Exakte Umschreibung einer opulent-sakralen Innenausstattung. Die können das, die Katholiken. Wir erinnern uns an die Kalkfarbe und ihre Ausstrahlung: Die Wände atmen ein Leichtheit und Sanftheit, die Würde eines gesegneten Ortes ist förmlich greifbar (auch ohne das Kraftfeld, das Esotheriker vorne links zwischen dritter und vierter Bank suchen). 

Sollen wir, dürfen wir in dieser Stimmung es wagen, hier etwas zu wünschen? Lieber Gott, wir hätten da eine Sache, die Du regeln könntest. Nicht für uns. Es muss kein kleines Wunder sein, aber etwas, das einem geschätzten, schwer erkrankten Kollegen hilft, ihn zu heilen. Bitte!

Chakra reinigen oder das Wandershirt?

Nur wenige Schritte hinter dieser wunderschönen Kirche wird uns „energetische Heilung” und „Chakra reinigen” angeboten. Ein neues, sauberes Wandershirt wäre uns lieber und wir wagen an dieser Stelle mal die steile Vermutung, dass eine offensivere Vermarktung des Mythenweges (Stichworte: Wormbach als frühe Kultstätte, Himmel auf Erden) nicht nur Wanderfreunde anziehen würde. Abgang übers Rennefeld nach Schmallenberg ins Café König zur Stärkung. Die Torten, Plätzchen und Kuchen dort sind legendär, nicht mythisch.

Franz_Autor Michael_Autor

Die Tour von Bracht über Niederberndorf, Berghauses, Ebbinghof, Wormbach und Schmallenberg:

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2 Kommentare zu “Das Aussichts-Reich

  1. Liebe Schlenderer,
    ich habe heute durch Zufall euren Reisebericht gelesen. Als Niederberndorfer einmal interessant zu lesen, was die Region für Besucher so interessant macht. Um Euch und uns den Mythenweg etwas näher zu bringen, wendet Euch doch einmal an das WOLL-Magazin hier im Nachbarort Kückelheim. Ansonsten sei noch bemerkt, dass die Berghauser Kirche mit ihrer einmaligen Apsismalerei heute am Ostermontag (06.04.2015) wieder eröffnet wurde und sicher einen Besuch lohnt.

    • Lieber Werner,
      die Apsismalerei werden wir mal in eine unserer nächsten Runden einbauen. Gerne erinnern wir uns an das freundliche Restauratoren-Team, das uns seinerzeit Einblick in die laufenden Arbeiten in der Berghauser Cyriakus-Kirche gewährte.
      Der Mythenweg wird, so finden wir, unter Wert verkauft, er müsste besser “inszeniert” werden. Wir kennen einige der Sagen und Fakten, u.a. über den Soester Totenweg oder über den Totenkamp bei Ebbinghof. Ein kundiger Mensch aus diesem Örtchen hat mir vor Jahren viel über die Vergangenheit der Landschaft erzählt (für einen Zeitungsartikel über den neuen Mythenweg). Solches Wissen muss man auch an den Wegesrand bringen.
      Das Woll-Magazin, Ausgabe Kilefi, verfolgen wir (ich) mit Wohlwollen. Ich kenn da auch einen “Egon” vom Woll-Magazin aus Elspe, der ist bekannt wie ein bunter Hund in der Ecke… Treff’ ich schon mal bei Hesters an der Theke.
      Herzliche Grüße
      Michael

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