Extrem wanderbar

Von Michael (Text) und Franz (Fotos) – Was wir immer schon wussten, aber nie zu schreiben wagten: Das Sauerland ist extrem wanderbar. Auf der Messe Tour Natur in Düsseldorf wurden elf Kommunen, die sich zu den „Sauerland-Wanderdörfern” zusammengeschlossen haben, vom Deutschen Wanderverband DWV als erstes und einziges Wandergebiet als „Qualitätsregion wanderbares Deutschland“ zertifiziert. Ssssittt-Zack!, Gütesiegel drauf!

Die schlechtere von den guten Nachrichten: Auf der Messe, über die wir schlenderten, lief einer der Huber-Buam dem Sauerland in Sachen Attraktivität den Rang ab. Aber wirklich nur Alexander Huber mit einem begeisternden Vortrag „Im Licht der Berge”, ansonsten spielte das Sauerland als Wanderland am ersten Messetag die erste Geige. Behaupten wir jetzt mal ganz steil, weil es auch am Trubel rund um den Stand ablesbar war.

„Wir sind die Ersten, das kann uns niemand mehr nehmen”

Sabine Risse, Themenmanagerin Wandern beim Sauerland-Tourismus, musste das Zertifikat mehrfach hochreißen und den Kameras präsentieren und Tourismusdirektor Thomas Weber schwor seine versammelte Mannschaft noch einmal ein, bedankte sich. „Wir sind die erste Region in Deutschland, die dieses Siegel bekommen hat, und das kann uns niemand mehr nehmen.” Hinter den Sauerländer Wanderdörfern stecken elf Kommunen mit insgesamt 280 Ortsteilen und Örtchen: Brilon, Diemelsee, Medebach, Lennestadt, Kirchhundem, Olsberg, Schmallenberg, Eslohe, Willingen, Winterberg und Hallenberg. Sie mussten 44 strenge Kriterien abarbeiten, um das Gütesiegel zu erhalten. Ein „unverlaufbar” ausgeschildertes Wegenetz, abwechslungsreiche Qualitätswanderwege, Wanderausgangspunkte mit Informationstafeln, geprüfte Gasthäuser, in denen der Wanderer Bequemlichkeit, Service und regionale Köstlichkeiten aus der Küche vorfindet, um einige anzuführen. „Damit haben Experten fachkundig bestätigt, was unsere Gäste schon länger zu schätzen wissen: Wandern im Sauerland ist durch und durch ein runder Genuss”, sagt Sabine Risse. Ein druckfrisches, handliches Kartenbüchlein gibt mit 36 Wandervorschlägen entsprechende Anreize.

Stochastische Vibrationen: etwas Unanständiges?

Wir schalten jetzt vom amtlichen Info- um in den Schlendermodus. Die großen Wanderausrüster sind in Düsseldorf nicht vertreten, dafür aber örtliche Geschäfte mit Stiefeln und Kleidung. Franz stöbert bei Stiefeln, moppert alsbald. „Nur bis Größe 47.” Wir schlendern halt auf größerem Fuß. Es gibt eine Zeltstadt, Wanderschuhteststrecken und auch den Fußlahmen wird hier schön geholfen: Mit Leguanos, Socken mit noppenbewehrter Sohle, kannste selbst gehen, wennste Rücken hast oder Knie. Meint der Hersteller. Gegen Regen schützen 3-Lagen-Laminate und „stabile mikropörose Beschichtungen”, an einem Messestand locken „stochastische Vibrationen”. Neugierig gucken wir: Ist das was mit Beten oder etwas Unanständiges? Nur mobile Massageteile für unterwegs.

„Free solo – dann kommt deine Sicherheit von innen, von deinem Können”

Was uns auffällt: Wir sind die Jüngsten selbst unter den Besuchern der Silver Generation. „Alles Silberrücken hier”, sagen wir zu Leonie Böhme vom Deutschen Alpenverein, die am Kletterturm steht. Sie nickt und grinst. Zuhause, in der Sektion Duisburg, ist sie Jugendleiterin und betreut die Kletterwand. „Es sind auch bei uns meist ältere Mitglieder, sowohl in der Wander- wie auch Klettergruppe”, bestätigt sie. Ich lasse mich überreden, steige in den Gurt. Oben im leichten Überhang falle ich ins Seil, weil ich zu kleine Griffe wähle. Felix fängt den Sturz sicher ab. Danke. „Dafür sind wir ja da”, meint er.

Was uns noch auffällt: Es gibt eine Inflation an dem Begriff „Steig”. Rheinsteig, Westerwaldsteig, Eifelsteig, Ahrsteig, Soonwaldsteig, Renchtalsteig, Saar-Hunsrück-Steig, Harzer Hexensteig und nicht zu vergessen, der Vater aller neuen Wanderwege, der Rothaarsteig. Einer, der ihn mit aus der Taufe gehoben hat, steht da und lächelt. Der Marburger Natursoziologe Rainer Brämer hat längst andere Pfeile im Köcher als Langwanderstrecken. Wir werden – hoffentlich – berichten. Der Kartenhersteller Kompass bietet eine kostenfreie App für Smartphones an, in die man sich Kartenausschnitte seiner Wahl gegen Entgelt zuladen kann. Wir werden das Ding mal testen.

Speed-Klettern an der Nose des El Capitain in 2:45

Nun zum Huber-Buam Alexander, der am Nachmittag auf dem „Rastplatz” der Messe seine Zuhörer mitreißt und begeistert für seine Leidenschaft, die Berge.

Gibt es noch Steigerungsmöglichkeiten nach dem Erklimmen aller Achttausender ohne Sauerstoff (Reinhold Messner), sind Grenzgänge am Berg überhaupt noch möglich? Die schlichte Antwort lautet: Ja. Durch Verzicht auf jegliche Hilfsmittel wie Haken, Seil oder Klettergurt. „Dann kommt deine Sicherheit von innen heraus, von deinem eigenen Können”, sagt Alexander. Berge besteigen mit ohne alles, Free solo, „da stehen wir erst am Anfang.”

Oder beim Speed-Klettern an 1000 Meter hohen Wänden wie der „Nose” am El Capitain im Yosemite-Park, für Alexander eine „vertikale Rennstrecke”. Die Erstbegeher in den 50er-Jahren brauchten zig Tage, die Huber-Buam schraubten den Rekord auf 2:45 Minuten! Und brachten eine Seilschaft in der Wand beinahe um den Verstand, als Thomas und Alexander nach drei Tagen erneut an ihnen vorbeirauschten. „Die waren fertig mit der Welt und es waren gute Kletterer”, sagt Alexander. Dass einer wie er das ohne Überheblichkeit sagt und nie den Respekt vor den Kletterkollegen verliert, macht seine Sache noch sympathischer.

„Das Leuchten in seinen Augen zeigt, dass er glücklich ist”

„Mein Vater ist 75″, sagt Alexander, „das Leuchten in seinen Augen zeigt, dass er in den Bergen glücklich ist. Er hat’s richtig gemacht. Bergsteiger haben das gefunden, wonach viele Menschen noch suchen.” Dass er das gleiche Leuchten in den Augen hat, brauchen wir wohl nicht betonen.

Die Quintessenz unseres Messerundgangs? Wir meinen: Der Extrem-Kletterer Alexander Huber hat an diesem Tag die meisten Besucher in seinen Bann geschlagen; auf lange Sicht wird das Sauerland mehr Anhänger haben, weil es extrem wanderbar ist.

Tour Natur, Messe Düsseldorf: Samstag und Sonntag (6.+7. Sept.), 10-18 Uhr, 14 bzw. 10 Euro

 

Franz_Michael_klein

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