Park-Poldering in Dorsten

Von Dorothe (Fotografie) und Michael (Text) – Früher war es das unnötige Genitiv-S-Apostroph, dass dem deutschsprachigen Leser Schauer über den Rücken trieb (Mona’s Nagelstudio oder, noch aktuell: Beck’s Bier), heute glänzt die kreative Branche eher durch nonchalante Weglassung. Das Kunstprojekt LippePolderPark in Dorsten, das wir umkreisten, schreiben wir aber nur einmal so. Dann aber wieder und nur hier: mit echtem Bindestrich!

Vor dem versprochenen Genuss („Kunst und Kultur in einem Stadtpark auf Zeit”) suchen wir jedoch ein wenig Auslauf und wenden uns auf der Nordseite des Lippeufers nach links. Die Landschaft, vom Lippedamm aus gesehen: parkartig, flaches Land, unterbrochen durch Gehölze und heckenartigen Bewuchs. Man ahnt stark das Münsterland, das hier nahtlos ins Ruhrgebiet übergeht. Die Fließgeschwindigkeit der weidengesäumten Lippe tendiert scheinbar gegen Null, nur auf den Dämmen beiderseits herrscht reger Verkehr: Radler, Wanderer, ab und zu Wassersportler mit Kanus und Hundehalter, die die Leinenpflicht in einem Naturschutzgebiet lediglich als freundliches, aber kaum ernst gemeintes Ersuchen auslegen.

„Fährmann, hol över”

An der Baldur-Fähre ist Stau angesagt. „Fährmann, hol över”, riefen die Bergleute bis 1940 zu Fährmann Albers hinüber, damit er sie zur Schicht auf Zeche Baldur übersetzte. Eine Gruppe freundlicher Radler (Moin, moin, moin) düst an uns vorbei schneller zur Furt hinunter. Mann, dauert das! Denn Du musst sowas von am Rad drehen, um die Fähre in Bewegung zu setzen, und keine Fenterei für die Kinder der Gruppe. Aber der Boss winkt uns „drei Fußgänger” noch mit an Bord. Warum wohl? Keine Ahnung…, aber hinter der Strommitte fallen Dir vom Drehen die Arme herunter wie abgetrennt. Am gegenüberliegenden Ufer geht es zurück auf Dorsten zu.

Konstrukt aus Euro-Paletten und Bauholz

Aus der Entfernung betrachtet sieht der Lippe-Polder-Park zwischen Lippe und Wesel-Datteln-Kanal aus wie ein kunterbuntes Flüchtlingslager mitten im Maisfeld. Wer zuvor die Internetseite des Projektes mit ziemlich verformulierten Absichten aufgerufen hat („Der LippePolderPark skizziert die Parameter für einen zukünftigen Ort, wo es erlaubt ist und man ermutigt wird, verantwortlich zu sein für seine eigenen Erfahrungen: das Gras wachsen hören und einen Park bauen.”), der wird von dem Konstrukt aus Bauholz und Europaletten nicht enttäuscht sein, anfangs.

Hippieeskes Provisorium

Aber als Portal für Offen- und Unvoreingenommenheit sowie als Experten für Szenografie und temporäre Architektur geben wir der Sache natürlich eine Chance. Ein Doppelachsanhänger mit Gräsern und Blumen bewachsen begrüßt am Eingang des Lippe-Polder-Parks, unten sieht man Lattenverschläge und Sitzpaletten, der Eindruck eines hippieesken Provisoriums drängt sich auf, durchaus gewollt. Hinter einem großen Wildblumenfeld stehen sicherlich mehr als hundert Fahrräder. „Das Herzstück ist der Pavillon” (O-Ton), der zwei ineinander übergehende Deichringe symbolisieren soll. Auf dieser Bühne mit sägerauen Brettern knödelt unterdessen ein Singer/Songwriter – es gibt ein Programm namens 70 Tage Poldering mit täglich wechselnden Akteuren im weiten Bereich Kunst und Kultur -, und er vertreibt erstaunlichweise niemanden.

Der Raum wird im Bewusstsein der Menschen nicht mehr derselbe sein

Erkenntnis: Der Park wird von den Menschen aus Dorsten und Umgebung gut angenommen. Manche haben ihre Picknickdecke mitgebracht und liegen auf der Wiese; man unterhält sich, wartet in der Schlange vor der Container-Bar auf sein Bier oder seine Bratwurst im Brötchen, andere lesen in einem mitgebrachten Buch, Kinder umtoben ihre Eltern. Man muss lobend sagen: Gottseidank keine Festival- oder Jahrmarktsstimmung. Urban Gardening gibt es auch: In Mammutplastiksäcken wachsen allerlei Kraut und Kräuter: Schwarzkohl, Rotkohl, sowieso-Kohl, Kresse, Dill, Kohlrabi, Zucchini, Kürbisse, Nachtkerzen, Mangold in allen Farben, Lauchzwiebeln etc.

Mitte September wird der Lippe-Polder-Park Geschichte sein. Der Ort zwischen Kanal und Lippeufer wird danach im Bewusstsein der Menschen, die dort waren, nicht mehr derselbe sein: Der Raum wurde  – gerade von ihnen selbst – mit neuer Bedeutung aufgeladen. Das Projekt wird den Menschen eine Ahnung gegeben haben, was in der Gestaltung des nahen Lebensumfeldes alles möglich ist.

Man muss es nur machen.

Doro_80x80Michael_Autor

 

Die mit outdooractive entworfene Strecke haben wir gekürzt; sie führte ursprünglich bis zur Schleuse Dorsten, die jedoch für eine Überquerung des Kanals gesperrt wurde.

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