Überraschende KulTour

Von Michael (Text) und Franz (Fotos) – An und für sich haben wir es ja nicht so mit Wortspielen, siehe Titel, mit denen vornehmlich öffentlich-rechtliche Kulturbeflissene dem normalen Bürger irgendetwas Schickes, Cooles vorgaukeln wollen. Aber wir vermarkten ja nichts für niemanden und machen mal eine Ausnahme. Weil diese Wanderung über die Stadtgebiete von Castrop-Rauxel und Herne uns etwas schenkte, was wir nicht erwartet hatten: überraschende Begegnungen.

Aufschlag am Bahnhof Caxel-Süd, der „Emscherpfeil” aka Regionalbahn 43 hatte uns dorthin gebracht. Praktischerweise liegt der Hauptwanderweg X gleich hinter dem Gleisbett, wir legen los und queren bald die A 42 und sind im Bladenhorster Grün. Sturm Ela hat auch hier reich geerntet, bullige Eichen- und Buchenstämme liegen herum, als ob ein Riese durch den Wald gestapft wäre und die Bäume wie Grashalme beiseite getreten hätte.

An der Stadtgrenze zu Herne treffen wir jemanden, der wie wir zum Entschleunigen hierher gekommen ist. Daniel vom Circus Schnick-Schnack hat eine Scheibe auf der Wiese aufgebaut und einen Bogen in der Hand. Der künstlerische Leiter des Circus hat ein paar Stunden freie Zeit und will sich „fokussieren”. Kennen wir auch. Daniel fotografiert und hat bereits Ausstellungen gehabt und schreibt zudem, also macht er alleine, was Franz und ich zusammen tun. „Komisch”, sagt Daniel, als wir um ein Foto bitten, „ich werde in der letzten Zeit immer fotografiert.” Kürzlich habe ihn die Herner Künstlerin Brigitte Kraemer als Motiv gesehen, als er am Rhein-Herne-Kanal auf der Slackline balancierte.

„Mich überraschte das dröhnende und ächzende Geräusch der Spannfedern”

In Herne-Börnig wären wir an der Zechenanlage Teutoburgia beinahe vorbeigelaufen. Ein freundlicher Radler weist uns die Richtung und wir stehen an dem als „deutsches Strebengerüst” typisierten Förderturm aus den Jahren 1907/08, der jetzt sanierungsbedürftig und abrissbedroht ist. Sehr viel interessanter ist aber die Maschinenhalle, die ein einzigartiges Kunstprojekt behütet: Der Klangkünstler Christof Schläger hat sich hier 1987 niedergelassen und entwirft und baut Klanginstrumente nach seinen Vorstellungen. Wir haben Glück, sehen Christof Schläger und sprechen ihn nach kurzem Zögern an. Er schneidet derzeit mit seiner Frau Marjon Smit einen Film, aber wir dürfen uns kurz in seinem Klangraum umsehen.

Federine, Membranator und V-Riller

Einfach überwältigend! Was hier an Klangerzeugern steht! Schalen, Schellen, Dutzende, nein: Hunderte kupferne Spulen von Türklingeln, Resonanzflächen mit E-Motoren, die Schlagwerkzeuge steuern, Rohre, Orgelpfeifen, Röhren, Hörner, Harfen: Es gibt, so sehen wir es nach kurzem Umschauen, offenbar nichts, dem Christof Schläger nicht gezielt Klänge entlocken könnte. Wir empfehlen dringend den Besuch seiner Internetseite, auf der die phantasievollen Namen seiner Instrumente des Electronic-Motion-Orchesters aufgelistet sind. Wisst ihr, was eine Federine und wie Christof Schläger darauf gekommen ist? „Beim Öffnen eines Garagentores überraschte mich das dröhnende und ächzende Geräusch der Spannfedern.” 25 Magnete für Spinnereimaschinen schlagen auf Stangen und Drähte, ergänzt durch sieben Motoren, die Garagenfedern erregen, heißt es auf der Seite. Weitere Instrumente tragen Namen wie Membranator, Flatterbaum, V-Riller, Wopper oder Chromix.

„Hörner mit vielen Obertönen sind eine Herausforderung”

Zum Einsatz kommen diese Instrumente bei den Konzerten, die der Herner Künstler gibt. Seit 20 Jahren experimentiere er mit luftbetriebenen Hörnern, sagt Schläger, allerdings sei das Ergebnis nicht immer befriedigend. Er wünscht sich einen Hornklang mit vielen Obertönen, „eine große Herausforderung”. Bei einem Konzert auf einem Eisbrecher in Helsinki zeigte sich, dass da noch viel größere und bessere Hörner in seinem Instrumentarium stehen könnten: Schiffshörner! „Sie sind sehr, sehr teuer”, sagt Christof Schläger, der in der Kieler Signalfirma Zöllner kunstverständige Experten gefunden hat. In Herne soll in Zusammenarbeit mit Zöllner die „letzte, beste Generation meiner Hörner” entstehen. Einen Eindruck der spannenden Klanglandschaften kann man hier oder hier erkunden.

Anderen beim Leben zusehen

Draußen im Park verabschiedet uns das prasselnde Hacken eines Schredders in die Teutoburgia-Siedlung. Wir schlendern durch die Laubenstraße, die uns der freundliche Herr auf dem Rad empfohlen hat. „Da wurden schon Filme gedreht und die Mieten sind auch billig”, ruft er uns hinterher. Was wir sehen: Adrette, ehemalige Bergarbeiter-Häuschen mit manikürter Natur im Vorgarten, eine Idylle, die die Aura von selbstgekochtem Vanillepudding ausstrahlt, so was von 50er-Jahre-Retro. Im Teutoburgiahof kannst Du deine Kinder ruhig auf die Straße lassen; die Wagenburg aus Zechenhäusern wirkt wie ein geschützter Bereich, hier, in den gegenüberliegenden Wohnungen, kann jeder zu jeder Zeit jeden sehen. Wir fühlen uns wie Stadtstreuner, die anderen Menschen beim Leben zusehen. Wollen wir diesen Lebensentwurf, der in harten, fernseh- und internetlosen Erwerbszeiten erstrebenswert schien, auch heute noch? Drücken wir uns vor einer eindeutigen Antwort und sagen: Bei Stadtwanderungen ist die Gemengelage aus Menschen, Architektur und Natur natürlich viel abwechslungsreicher als immer nur Bäume gucken.

Kräftiger schwarzer Schluck – und weg

Jetzt kürzen wir die Wanderung texttechnisch mal ab: Wir waren noch oben am Volkspark und dem Sportplatz von Arminia Sodingen, haben pausiert und uns gefragt: Kann man den Kaiser-Wilhelm-Turm, der mal als Wasserreservoir für die Zeche Mont Cenis diente, auch besteigen? Die Antwort könnte Radio Eriwan nicht besser liefern. Im Prinzip jederzeit, heißt es in einem Aushang, nur muss man vorher den Schlüssel bei der Stadtverwaltung abholen.

Weiterwandern, kräftiger schwarzer Schluck – doppelter Espresso Macciato bei Martins in Caxel-Altstadt, Heimfahrt. Keine schlechte Tour!
Wanderkarte: GeoMaps Dortmund-Lünen

 

 

Franz_Michael_klein

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