Schön hier, ne!

Von Franz (Fotografie) und Michael (Text) – Für einen seelenschmelzenden Sonnenuntergang muss Du doch nicht mehr ans Mittelmeer fliegen, wenn Du dieses Bild oben siehst, gell? Für uns Schlenderer wurde die Halde Haniel in Bottrop für lange, lange Minuten zu einem Ort zum Niederknien und stillem, innigen Betrachten und da war noch der Franz, der die lodernde Apfelsine in den richtigen Momenten erwischte. Kann man nicht lernen, sowas.

Aber zuvor, da waren wir ganz woanders, weil Franz mit dem großen Kamerabesteck in Voerde was erledigen musste. He’s a gun for hire, you know. Voerde, zwischen Wesel und Dinslaken gelegen, ist im Spätherbst zur Mittagszeit ein kalter, dunkler Ort und das liegt daran, dass vor der Stadt ein großes Steinkohlekraftwerk liegt; Kühlschwaden aus einem breiten, fetten Schlund sowie Rauchgase aus schmalen, riesigen Schloten stehen bei ruhigem Wetter vor dem Zentrum des Ortes am Himmel und verdunkeln die tiefstehende Sonne.

Ob G’wick-Hamm in der Tabelle steht?

Wir hinterfahren diese wuchtige Stätte der Energieproduktion, landen in einem Vorort mit dem schönen Namen Götterswickerhamm  (In der Runde der Kommunalpolitiker, in der dieser Name einst ausgeschnapst wurde, wären wir gerne dabeigewesen…, ähm, noch ne Anmerkung: Wie kürzt die Tageszeitung Götterswickerhamm in der Fußballtabelle: wie K’lautern, also G’wick-Hamm?) und schauen uns, nun von der Sonne umschmeichelt, die Wolkenmassen von hinten an.

Wenn Kondome erzählen könnten…

Götterswickerhamm liegt sehr, sehr nahe am Rhein und ist auch bei Ruhris ein beliebter Ort, um am Fluss ein wenig zu flanieren. Der brackige Dunst des Stroms mischt sich mit dem Duft verdorrenden Laubes, die Wassermassen reflektieren die Sonnenstrahlen in unsere Gesichter und am Rheinstrand ist es für einen Novembertag schön warm. Rechts, stromabwärts, auf die Deichkrone, oder… „Einen richtigen Weg am Ufer gibt es nicht, man muss ein wenig klettern”, klärt uns ein ortskundiger Spaziergänger auf, also streunen Franz, Martin und ich erst einmal am Spülsaum des Rheins entlang, Buhne um Buhne. Was für Dinge, was für Geschichten liegen da am Strand! Wenn Präservative erzählen könnten oder der Motorradhelm auf der Aue, die rostigen Konservendosen, vom steten Wasser gerundetes Treibholz, Muscheln, Unrat jedweder Art…

„Hey ol‘ man, are they bitin‘ today?”

Stromaufwärts bullern die Schiffsdiesel unter der Last, die sie den Rhein hochtreiben müssen, abwärts scheinen selbst die schwerfälligen Tanker leichtgewichtig über die Wellen zu gleiten. Einer der Schubverbände hat sich noch gleich einen zweiten, antriebslosen an seine Backbordseite geflanscht. Wie steuert man eigentlich so einen unhandlichen Verband?

Ein Angler steht einsam (kein Klischee) auf einer Buhne und hält die Rute ins Wasser und wir klemmen uns die Frage, die der unvergessliche J.J. Cale in einem seiner Songs stellt: „Hey ol‘ man, are they bitin‘ today?” und der endet mit der Feststellung: „He catched (sic) his fish and I sat all day”. Riesige Vogelschwärme ziehen schnatternd über uns hinweg und nehmen Kurs auf die Rheinauen. Nil-, Kanada- oder sonstwas für Gänse? Graugänse, stellen wir beim Näherkommen fest.

Und noch’n Industriekombinat

Oben, auf der Deichkrone, buttern wir, die Anziehungskraft der schieren Wassermasse zieht uns in ihren Bann. Ja, Vater Rhein strahlt schon etwas Tiefes, Mystisches aus, bei aller Banalität seiner Umgebung. „Noch ein Industriekombinat”, merkt Martin mit Blick voraus an, noch ein Kraftwerk. Was dem Sauerländer sein Kirchturm, den er nie aus dem Blick verlieren möchte, ist dem Niederrheiner die Kulisse rauchender Kraftwerksschlote. Ein seltener Silberreiher beschert uns noch einen schönen Moment, bevor Sonnenuntergangsberechner Franz die Truppe zur Ordnung ruft. Ja, wir fahren schon rechtzeitig zur Halde Haniel.

Was wir da gesehen, erlebt und gefühlt haben, dazu schreibe ich nicht mehr viel. Wir sind allein auf der Halde, ein Mountainbiker noch, richtige Kälte streicht herauf, die Farben der aufragenden Totempfähle leuchten plakativ im Abendlicht und Franz fotografiert, was die klammen Finger hergeben. Wir bleiben, bis die glühende Apfelsine hinterm Horizont versinkt.

Franz_Michael_klein

 

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