OB, Part II: Auf Trip im Riesenfass

Von Franz (Fotos) und Michael (Text)

– Wer eine dicke Wanne hat, kann viel verpacken. Im Fall des Gasometers Oberhausen sind das derzeit 200 großformatige Bilder und Skulpturen plus eine Extra-Lichtprojektion, die nicht nur wegen ihrer schieren Größe von 20.000 m² für sich das Prädikat Weltklasse reklamieren darf. Völlig zu Recht, unserer ganz unbescheidenen Meinung nach. Nach der Hommage an die US-amerikanische Magnum-Fotografin Eve Arnold in der Ludwig-Galerie im Schloss Oberhausen waren wir noch kulturhungrig und zogen ein paar hundert Meter weiter in DAS Kultmuseum des Ruhrgebiets.

Ein Ort, viele Museen. Das ist, knapp gesagt, der Nenner, auf den sich die Ausstellung „Der schöne Schein” bringen lässt. Eine Tour de force quer durch Jahrhunderte der Kunstgeschichte, der man aus einigen guten Gründen nicht allzuviel Aufmerksamkeit widmen muss. Die wichtigsten: Die großformatigen Werke nehmen keine Rücksicht auf die tatsächliche Größe der kopierten Kunstwerke. Die glatten, reflektierenden Oberflächen signalisieren bereitwillig fehlende Tiefe und den Abglanz des Originals. Zu sehen sind u.a. da Vincis Mona Lisa, die Nofretete, Hieronymus Boschs Garten der Lüste, van Goghs Sternenlicht, Giuseppe Arcimboldos Frühling und viele andere mehr, die sich um die Themen Schönheit, Vergänglichkeit und Tod drehen.

„Wir hatten Kreise vor den Augen”

Die Ausstellungsmacher leugnen nicht die Leichtigkeit des Scheins: „Die Reproduktionen ersetzen nicht das Erlebnis der Originale”, aber das „imaginäre Museum” ersetzt die Weltreisen zum Museum of Modern Arts New York, in den Louvre nach Paris, in die Berliner Nationalgalerie oder die Uffizien in Florenz, wo die echten Kunstwerke stehen. Blickfang im Untergeschoss mit dem theatralischen Ambiente eines römischen Colosseumkellers ist ein zentraler „Teich” aus sechs großen Spiegeln, die ein Fresco an der Decke wiedergeben. Das Riesenfass kann seine Vergangenheit als Scheibengasbehälter übrigens nicht leugnen und schwitzt eine klebrige Luft, die nach Benzolen und Teer riecht.

La ola an der Gasometerwand

Ganz großes Kino bietet im 3. Geschoss die Bremer Künstlergruppe Urbanscreen mit ihrer spektakulären Installation „320° Licht”, die die Grenze von Wirklichkeit und virtuellem Raum verwischt. Kleine, rechteckige Lichtpixel, versprengt wie von einem Sturm, La ola an der Gasometerwand, Ordnung, Ruhe gibt es nicht, irgendwo dreht, reiht sich immer was, Dellen, Wellen, die die Illusion eines riesengroßen wehenden Behanges erzeugen, gefolgt von Schwärze, in der das kathedralengleiche Dach des Gasometers farbig pulsiert. Schattierung und geschickte Lichterzeugung und -führung der 21 Projektoren erwecken den Eindruck dreidimensionaler Tiefe, aus der Wand erwachsen gesichtslose Betonburgen mit Balkonen und Erkern. Die Vielfalt der geometrischen und grafischen Muster des rund 20-minütigen Loops zu beschreiben wäre müßig.

Kombiticket für Gasometer und Schloss Oberhausen

Hier wird das Hirn animiert, die Vorstellungskraft gefüttert. „Das wirkt wie die Hungerödeme nach dem Krieg, wo wir Kreise vor den Augen hatten”, sagt ein betagter Gasometergänger. Wir denken an die drogenbefeuerte Literatur der Beatniks Jack Kerouac und Allen Ginsberg: Auf Trip im Riesenfass, yeah!

Gasometer Oberhausen: Der Schöne Schein, 320° Licht: bis 30. Dezember 2014
Eintritt: 9 Euro, Schüler 3,50
Kombiticket für Gasometer und Ludwig-Galerie im Schloss Oberhausen: 11 Euro

Franz_Michael_klein

Ein Video gibt es hier zu sehen:

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