Schwermetall

Von Michael (Text) und Franz (Fotografie) – Kommen wir gleich zur Sache: Um Heavy Metal geht’s in diesem Beitrag, und zwar um Metal, das noch viel älter ist als die Urväter des Hardrock, Black Sabbath und Led Zeppelin. In der Legierung Kupfer (78%) und Zinn (22%) aka Bronze tönt es von den Kirchtürmen. Den Glocken hat die Deutsche Arbeitsschutzausstellung (DASA) in Dortmund eine sehens- und hörenswerte Sonderausstellung gewidmet.

„Heute ist hier die Hölle los!” hatte uns DASA-Sprecherin Monika Röttgen prophezeit. Warum nur? Warum nur spuckt die S-Bahn in Dorstfeld an diesem nieseligen Morgen (der Grund, warum wir schon wieder überdacht schlendern, das nur nebenbei) unaufhörlich Schulklassen aus? Weil die Weihnachtsferien bevorstehen und die Lust am Lehren und Lernen sinkt. Lehrkörper parken ihre Schützlinge vor der Rotunde der Dasa und lösen schon mal Karten. Ein Pädagoge mit Stentorstimme übertönt das lebhafte Geschnatter: „Es ist jetzt 10.10 Uhr, um 11.30 Uhr treffen wir uns hier pünktlich, ich sage: pünktlich wieder und gehen zum Bus!” Wie jetzt, nur so wenig Zeit für ein Museum, pardon, einen prallvoll gefüllten interaktiven Lernort, für soviel interessanten Stoff? Ist ja wie G12, nur ein einziges Durchpauken!

„Komm, isch tauf dich Christ”

Vor diesen Maßgaben erscheint es uns nicht verwunderlich, dass die Verweilzeit der Jugendlichen in der Heavy-Metal-Ausstellung nur schätzungsweise 30 Sekunden dauert (grins), etwa so lange, wie eine angeschlagene Glocke zum Ausschwingen braucht. Ach ja, hätten wir in dem Alter anders gehandelt, hätten Franz und ich auch Marco-Reus-Frisuren getragen? Lassen wir mal den Spott und widmen uns der Sache.

Dass es bei Heavy Metal nicht leise vonstatten geht, liegt in der Natur der Sache. Denn was wäre eine einschlägig bestückte Ausstellung, wenn man nicht mal ordentlich auf die Glocke hauen dürfte? So spricht die Aufforderung „Einmal zuschlagen bitte!” aus dem Herzen vieler Besucher, weshalb der junge Mann, der den Raum beaufsichtigt, folgerichtig Schutzstöpsel in den Ohren trägt. Gleichzeitig zählt er die alten (wenige) und jungen (sehr flüchtigen) Besucher. 249, 250, 251, 252, 253… Die von ihrem religiösen Hintergrund her unterschiedlich sozialisierten Jugendlichen haben den Symbolcharakter der Glocke schnell erfasst. „Komm, isch mach dich Christ, ich tauf dich von Moslem auf Christ”, foppt ein Junge seine Begleiterin. Aber wir lenken wieder vom Thema ab.

Hier darf man ausdrücklich laut sein

Hier erfährt man alles über Glocken, falsche Glocken, Glockengießer, Türmer, Glöckner und Zimmerleute, Videos und Fotos zeigen das bis heute aufwändig handwerkliche Gießen und an Modellen erklingt das Ergebnis. Eine der Glocken wurde umgestülpt und mit Wasser befüllt. Wer sie mit einem Gummihammer anschlägt,

lässt die unsichtbaren Schwingungen auf der Wasseroberfläche sichtbar werden. Eingangs ertönt das liebliche Geläut der Dachreiterglocken von St. Michael in Bamberg, sobald man einen kleinen Kreis überschreitet. Eine andere Kirchenglocke wurde aus Briloner Sonderbronze gegossen. Sie hat Beimischungen in der Legierung, die sich auf den Klang auswirken.

Die „Gotische Rippe” löste den Zuckerhut ab

Überhaupt der Klang. Wie kann man das so punktgenau steuern, was da hinterher so sonor und glockenrein vom Kirchturm tönt? Durch mathematische Berechnungen und jahrhundertelange praktische Erfahrung, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die genau Form der Rippenbretter, mit denen Glocken geformt werden, ist ein streng gehütetes Geheimnis. Zwar kennt man Glocken seit 3600 Jahren und das Gießverfahren ist seit 800 Jahren gleich, aber erst seit dem 19. Jahrhundert ist es möglich, Klang und Tonhöhe auf ein Halbtonsechzehntel genau festzulegen und das aus einfachen Zutaten wie Ziegel, Zinn, Kupfer, Lehm und Eisenbändern. Seit dem 13. Jahrhundert formt die „Gotische Rippe” das Lehmmodell, in dem die Glocke gegossen wird. Die Rippe löste Bienenkorb- und Zuckerhutglockenform ab. Eine Fotoserie aus der Glocken- und Kunstgießerei Petit und Edelbrock in Gescher, die wie das dortige Glockenmuseum viele Ausstellungsstücke beisteuerte, zeigt den kompletten Werdegang bis hin zum Guss, der traditionell freitags um 15 Uhr erfolgt und an die Todeszeit Jesu erinnert.

Im Krieg zu Kanonen geschmolzen

Glocken laden nicht nur zum Kirchgang, melden dem Ort den Tod eines Mitmenschen oder warnen vor Unwettern, zumindest in den Alpen; sie spielten auch in den Kriegen, zu Kanonen missbraucht, eine todbringende Rolle. Kanonen wurden aber auch wieder umgeschmolzen und künden heute vom Frieden. Und es hängen keine Messdiener mehr wie Tarzan am Seil, um das Heavy Metal zum Klingen zu bringen. Das erledigen heute Läutemaschinen.

Was man den Ausstellungsmachern aus Schülersicht zugute halten muss: Die Schau ist fast schillerfrei, wenn ihr wisst, was wir meinen. Wer es nicht weiß, guckt hier:

Die Sonderausstellung Heavy Metal läuft noch bis zum 15. März. 2015, an den Weihnachtsfeiertagen (24.-26. Dez.) ist die DASA geschlossen. Um die Ausstellung herum gibt es einige andere Aktionen, u.a. Glocken aus Garn häkeln, mit Handglocken eigene Stücke komponieren, an gesonderten Tagen gibt es Turmführungen auf St. Reinoldi. 

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