Das Zeitfenster der Würfelnattern

Von Franz (Text und Fotos) – Mannomann, was war das für ein intensives und lehrreiches Wochenende. Bernd, Mitglied im Vorstand der Amphibienschutzorganisation AGARD, hat mich zu einer Fahrt an die Nahe zwischen Bad Münster am Stein und Bad Sobernheim eingeladen, wo wir die Würfelnatter beobachten und fotografieren wollen. Die Würfelnatter besiedelt Flüsse und Seen und kommt in Deutschland nur noch in isolierten Populationen an der Nahe, der Mosel und der Lahn vor. Häufiger findet man sie in Südeuropa. Bernd hat sich mit einem befreundeten Ehepaar an der Nahe verabredet. Karola und Andreas haben sich in den vergangenen Jahren viel Wissen über die Würfelnatter angeeignet und kennen einige Biotope an der Nahe, in denen diese seltene Schlangenart vorkommt.

Die Würfelnatter hat ein Zeitfenster

Die Beiden sind am Nachmittag im Hotel eingetroffen, haben eine erste Sichtungstour unternommen und dabei schon 15 Würfelnattern an der Straßenböschung über der Nahe und am Steilhang der Bahnlinie entdeckt. Ein Grund uns am Abend euphorisch zu begrüßen und Bernd und mich ein wenig neidisch zu machen. Wir bräuchten aber gar nicht auf die Idee zu kommen, uns noch auf die Suche zu begeben, denn die Würfelnatter habe ein „Zeitfenster“, in dem sie sich dem Beobachter zeigen würde. Nur in diesem Zeitfenster morgens ab 10 Uhr und abends zwischen 17.30 und 19 Uhr würde sie sich am Steilhang an der Bahnlinie und an der Straße in für sie angenehmer Temperatur sonnen,  und das hätten wir schließlich verpasst und wir müssten den folgenden Tag abwarten, meint Andreas. Leichte Enttäuschung macht sich breit. Aber am Abend kann ich noch vom geballten Wissen über verschiedenste Schlangenarten wie Aesculap-, Ringel- und Schlingnatter und seltene Schmetterlinge wie den Apollofalter profitieren. Mir brummt der Schädel, denn ich werde nur einen Bruchteil davon abspeichern können.

Sonnenbad

Am folgenden Morgen haben wir tatsächlich Glück. Mit geübtem Scannerblick finden Karola und Andreas die Würfelnattern. Ich sehe zunächst einmal nichts. Mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger deuten sie auf ihre Funde, ohne die Hilfe der beiden Fachleute wäre ich aufgeschmissen und die Speicherkarte in der Kamera würde leer bleiben. Es dauert bis ich mich auf die Beobachtung ein wenig eingestellt habe. Bernd wird deutlich schneller fündig und fotografiert schon fleißig. Bevor die Würfelnattern hinunter zur Nahe kriechen und im Wasser nach Fischen jagen, müssen sie sich von der kühleren Nacht aufwärmen und das tun sie auf Brombeerbüschen und großen Steinen am Hang. Sie kriechen sogar unter den Bahngleisen her und „erklimmen“ den Steilhang zur Straße, weil hier die Sonne am schönsten die Steine aufwärmt. Erstaunlich!

Seltene Bläulinger

Dann ist das „Zeitfenster“ für die Würfelnattern vorbei, sie sind mit der richtigen Körpertemperatur züngelnd den Hang hinunter ins Wasser gekrochen. So ganz „nebenbei“ hat mir Andreas noch zwei Smaragdeidechsen gezeigt. Wunderschöne grün gezeichnete Reptilien.  Dann laufen wir durch den Ort zu einer Wildblumenwiese am Weinberg. Verschiedenste Bläulinge (z.B. der seltene Kronwicken-Bläuling), Schachbrettfalter und der seltene Brombeerperlmutterfalter fliegen hier von Blüte zu Blüte. Auf einer anderen Wiese hängt die spektakulär golden leuchtende Puppe eines Perlmutterfalters an einer Mauer. Das Makroobjektiv macht es sichtbar. Auf einem Blatt sonnt sich die Raupe der Ampfereule, ein bunt gepunktetes und behaartes Wesen. Und dann kommt wieder das abendliche Zeitfenster für die Würfelnatter. Eine Natter kriecht zielstrebig und züngelnd den Hang hinauf und verschwindet in einem Loch zwischen den Steinen. Eine andere versucht ebenfalls in dieses Loch zu schlüpfen. Es ist aber wohl zu eng für zwei Nattern und sie muss zunächst aufgeben. Bei einem neuen Versuch „quetscht“ sie sich mit viel Kraft hinein. Andreas findet noch eine schöne Schlangenhaut und zeigt mir die halbrunden Schalen, in denen einmal die Augen gesessen haben.

Ein Kurort für die Natter

Am nächsten Morgen fahren wir das Nahetal hinunter nach Bad Münster am Stein. An der Flusspromenade, so die Erfahrung von Andreas sonnen sich die Würfelnattern am Morgen. Kaum ein paar Meter gelaufen, entdeckt er schon die erste Natter, die sich schnell in ihr Jagdrevier, den Fluss, schlängelt und im Wasser verschwindet. Wir laufen am schönen Kurhaus vorbei, auf der anderen Flussseite den steilen Rheingrafenstein im Blick. Was für ein Panorama. Immer wieder beugen sich Spaziergänger über das Geländer der Uferpromenade. Wir sind nicht die einzigen, die sich an der Anwesenheit der Würfelnattern erfreuen. Schilder weisen auf die Schutzbedürftigkeit der seltenen Schlangen hin, Radfahrer sollen an einer Sperre absteigen, weil hier Jungnattern den Fahrradweg kreuzen. Leider gibt es doch immer wieder uneinsichtige Menschen, die sich nicht an diese Regeln halten. Wir konzentrieren uns auf unsere Natternfunde, der Fotoapparat will schließlich arbeiten und den Speicher füllen. Und dann wieder der Scannerblick von Karola und Andreas. Während ich mit Tunnelblick nur Augen für die Würfelnattern habe, entdecken die beiden noch viele andere Schönheiten in der Natur. In diesem Fall den Schlupf einer Zangenlibelle aus ihrer Larvenhülle auf einem Felsen unten im Wasser. Langsam entfaltet sie ihre Flügel und fliegt nach der Trocknungszeit davon. Wir besuchen noch kurz das Kurhaus und das Naturschutzhaus mit einem Würfelnatterterrarium und beschließen das eindrucksvolle Wochenende. Herzlichen Dank an Karola und Andreas, die mir ein spektakuläres Naturerlebnis geschenkt haben und Bernd für die Einladung zu dieser Entdeckungstour.

 

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