Alles kommt

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Das war eine Wanderung, auf der wir alles hatten: weite Flächen, saftige Wiesen, schmale Pfade, Regen, Hagel, Sonnenschein; ist ja schließlich auch noch April.

Fangen wir mit den Regen an. Auf der Anreise zur Tour um die Heilenbecker Talsperre bei Breckerfeld goss es auf der A45 bei Temperaturen um 4 Grad in Strömen. Zwei ratlose Gesichter im Ortsteil Delle: Sollen wir überhaupt, und kann die neue Kannwas-Hose auch solche Wassermengen abhalten (weil: Regenhose vergessen)?

„Et staubt nich”

Die Antwort kommt von einem Handwerker an einer Baustelle in Delle. „Der Vorteil ist, et staubt nich.“ Jau, recht hat er, der Mann. Denn das Sauerland ist überzogen mit einem gelben Schleier, auf Autos, an Fensterbänken, in Pfützen Fichtenblütenpollen, wo man nur hinschaut. War das nicht 2016 schon mal so und es folgte eine magere Steinpilzsaison, schlechtes Karma folglich?

Ey, alter Kräuterhexer!

Die denkmalgeschützte Finkenberger Mühle lenkt von solchen Gedanken ab. Mit dem vorgelagerten Mühlenteich macht das Gebäude aus dem Jahr 1871 nach wie vor einen urwüchsigen Eindruck. Überhaupt. Wir platschen über Bächlein, die über den Weg rinnen und folgen vor sich hinschlängelnden Pfaden. In einem kleinen Birkenhain liegt viel Totholz am Boden. Hier fiel was um und man ließ es verrotten. Über das Wanderzeichen an den Bäumen runzeln wir die Stirn. Ist das ein Symbol für Bundeswehrtruppengehörigkeit oder nur ein verunglücktes PEACE-Zeichen? Aber richten wir den Blick etwas tiefer. Alles kommt. Sich entfaltende Farne, die aussehen wie Aliens, Maiglöckchen, Waldmeister, Butterblumen, Sauerklee und Knoblauchsrauke, auf die mich Franz aufmerksam macht. Ey, alter Kräuterhexer!

Bergische Mutation

Vor dem Höhenort Rüggeberg liegen Knickweiden, sieht man auch nicht oft, Wiesen, unterteilt mit akkurat gestutzten Hecken. Auf dem Marktplatz ragt ein Schmittenboom empor. Er erinnert an die Schmieden und Schleifkotten, die einst das Leben hier prägten. Symbolisierte Zangen, Sägen und Sensen hängen daran. Einen Blick weiter Schilder mit Variationen von Straßennamen: Hesterberg, Niederhesterberg, Mittelhesterberg, Oberhesterberg, Neuenhesterberg. Ein Apfelbaum strotzt vor Lebenskraft, explodierendes Blütenweiß. Apropos: Gibt es weißes Wiesenschaumkraut? Franz meint: Jepp, bergische Mutation. Mmh.

Wurstbemme, schillerndes Wasser

An der Heilenbecke-Talsperrenmauer hauen wir uns hin, blinzeln bei schönstem Wetter und zirpenden Vögeln in die Sonne. Wurstbemme, Saft, reflektierende Dünung. Der Stausee, 1894 bis 1896 erbaut, versorgt 10.000 Ennepetal-Milsper mit Trinkwasser und ist der zweitälteste in Deutschland (wo liegt übrigens der älteste? Hier:). Kann man solche Momente steigern? Manchmal.

Franz ihm seine Frau kam unerwartet an zwei Karten für ein Bob-Dylan-Konzert in Bielefeld und ich an ein plötzliches Lob im Biomarkt Naturpur in Altenhundem (best Käse-Auswahl und gesunde Lebensmittel around), wo ich als Schlenderer erkannt worden bin: „Sind Sie nicht der…? Tolle Wanderseite!” Bin artig errötet, hoffentlich hat sie es nicht bemerkt. Mann, und das in unserem Alter!

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