Ein Bilderbuchweg

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Der „Schwedensteig“ bei Westfeld stand schon seit einiger Zeit auf unserer „Unbedingt-machen“-Liste; zuletzt erinnerte uns Aurora von Aurorawillwandern an den 15 km langen Rundweg („jetzt bei voller Vegetation gehen“), den wir ab sofort in den Top 10 der Sauerländer Wanderwege führen.

Oberhalb des Bundesgolddorfes Westfeld zickzackt ein Weg zum Kamm des Wesenberg hinauf. Ein Supereinstieg in den Schwedensteig, schon mal allererste Sahne, von der wir später noch mehr als genug bekommen werden. Hohe Buchen, darunter Schößlinge, junge Fichten und Ginsterbüsche und dazu eine amtliche Aussicht, lustwandeln nur ein Hilfsbegriff. Gekommen um zu gehen, fährt einem durch den Sinn.

Vollentschleunigung

Ruhige, liegende Landschaft, ab und zu Blicke auf die traditionelle Fachwerk-Architektur des Sauerlandes, hinunter in das Tal der noch schmalen Lenne. Sonst nichts. Die innere Tachonadel legt sich unwillkürlich nach links. Um es mit einem paradoxen Wort zu beschreiben: Vollentschleunigung.

Super Arbeit des SGV Westfeld

Im Naturschutzgebiet Rehhecke wird die Nase umschmeichelt vom nussigen Duft des trockenen Laubes, kein Netz, nur die Tweets der Vogelwelt begleiten uns. Momente, in denen alle Last abfällt wie früher nach der Beichte, Katholiken werden sich erinnern;-) Ineinandergelegt wie – unangemessen, aber passend – Darmschlingen mäandern die Pfade durch die Hudebuchen und Wacholdersträucher des NSG Rehhecke; Luftlinie vielleicht nur wenige Hundert Meter, erlebensmäßig wunderbare Kilometer. Hier haben die Kameraden des SGV Westfeld vorbildliche Arbeit geleistet, Chapeau!

Im Hudewald

Der Hudewald ist ein Überbleibsel früherer Holznutzung und diente dem Vieh als Waldweide. Junge Buchenstöcke wurden als Ofenholz geschlagen, aus der Wurzel trieben neue Stöcke, die nach 20 Jahren erneut geschlagen wurden. Aus den vielstöckigen Buchen entwickelten sich später imposante, mehrstämmige Baumriesen. Oben auf dem Kamm öffnet sich der Ausblick auch nach links zur Hunau und zu Nordenau hinüber, im Süden liegen Hoher Knochen und Rothaarkamm und genau in der Mitte eine „Drehbank“, eine Liege mit rotierender Lafette.

Am Hubertusstein vor dem Waldhotel Ohlenbach geht der Schwedensteig in die Heidenstraße über. Breit, bräsig, oben biegt ein schmaler Weg zu einem „Waldsofa“ mit Blick auf Langewiese und Hoher Knochen ab. Am azurblauen Himmel pfeift ein Rotmilan. Die Heidenstraße war früher ein Haupthandelsweg zwischen Kassel und Köln und ist folglich vom Erscheinungstyp her eine „Straße“. Hmm, nicht so schön. Franz guckt einer Blindschleiche beim Häuten zu und als wird gerade wieder moppern, biegt der W1, also der Rundweg Schwedensteig-Heidenstraße, auf einen Parallelpfad ab. Geht doch. Kurz vor Altastenberg stoßen wir auf eine Schwedenschanze, einen Ringwall zum Schutz des Handelsweges, der dem Wanderweg seinen Namen gab.

Immer wieder verschlungene Pfade

U-Turn, aber um die Schwedenhütte herum. Vor dem Waldhaus Ohlenbach, einem ruhigen familiären Hotel mit exzellenter, ja luxuriöser Küche, riecht es nach: Knoblauch. Mitten im Fichtenwald, gesäumt von Erlen und Buchen, hat sich eine weiß blühende Bärlauchinsel breit gemacht. Nach Ohlenbach hinunter führt der Pfad über eine Wiese, ehe wir in einem grünen Dickicht eintauchen. Immer wieder verschlungene Pfade, aufgelockert durch Laubengänge, zusammengeflochtene junge Bäume, und ein Kneipp-Tretbecken mit gepflegtem Rasengrün.

In Ruhe genießen können wir die Serpentinen, manchmal mit alpiner Anmutung, aber nicht. Über uns schlingert unentschieden eine Gewitterzelle und wir legen einen Zahn zu. Wer schneller gehen will als wir muss laufen. Noch drei Kilometer bis Westfeld, und darum fühlen wir uns wie die Passagiere der „Schwalbe“, die brennend über den Erie-See fährt:

„Ein Jammern wird laut: Wo sind wir? Wo?
Und noch 15 Minuten bis Buffalo.”

Franz, der alte Bildungsbürger, weiß sogar Titel und Urheber: John Maynard von Theodor Fontane.

Wir schaffen es trockenen Fußes, Steuermann Maynard bekanntlich nicht.

 

Kommentar zu “Ein Bilderbuchweg

  1. Wie schön, den gelaufenen Weg bei blauem Himmel, weißgrauen Wolken und “voller Vegetation” noch einmal zu erleben. Und umgekehrt zu meiner Laufrichtung.
    Ich sehe schon, dass ich was verpasst habe, als ich bei Ohlenberg einfach der Straße gefolgt bin, statt die Pfade durch den Wald und über den Bach zu nehmen.
    Vielen Dank für die schönen Fotos!
    Aurora

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