Der Wald in Kalamitäten

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Die Runde steht scheinbar unter keinem guten Stern: „Husten, Hüfte und auch so…“ Schlecht drauf, ja, verstehe ich, Franz.
Wenn es lieben Menschen sehr schlecht geht, leidet man mit. Eine gute Freundin des langen Schlenderers ist ernsthaft erkrankt, einer anderen, jungen Frau, hat es das Seelchen verwirrt. Das Schlimme ist: Du kannst nicht helfen, bist ohnmächtig im Wortsinne. Gut, dass wir in Neheim nach einer schmucken Siedlung in einen grünen Tunnel tauchen. Mit jedem Schritt entfernst Du dich ein wenig von den Schatten, die auf dir selbst lasten. Irgendwann weitet sich der Blick von selbst.

Kein Wasser und ein kleiner Käfer

Im Waldreservat Moosfelde ist es herbstlich kühl und man merkt: Der Sommer hat seine Kraft verloren und der Wald Millionen von Fichten. Der Klimawandel mit zwei Dürresommer hintereinander hat den Bäumen zugesetzt. Der Wald ist in großen Kalamitäten, ganze Schläge sind einfach verdorrt. Und es braucht nicht einmal die Urgewalt eines Kyrill oder einer Friederike, die mit Orkanböen ganze Wälder umnieteten. Es braucht nur: kein Wasser und einen kleinen Käfer. Gut, Myriaden von Borkenkäfern. Die Weibchen bohren präzis scharf umrandete, winzige Löcher in die Rinder der Bäume und legen ihre Eier ab. Tausende Larven pro Baum fressen sich durch die saftführende Bastschicht der Rinde, der Stamm stirbt ab. Übermannshohe Holzpolter am Wegesrand zeugen von der unermüdlichen Arbeit der Insekten, unter der abgeschälten Rinde ist das Gangrelief des Borkenkäfers sehr gut zu erkennen.

Mehr als fünf Millionen Bäume tot

Und das Schlimmste steht noch bevor. Bis Mai 2019 fielen fünf Millionen Bäume Trockenheit und Käferplage zum Opfer, die aktuellen Zahlen erwartet der Landesbetrieb Wald und Holz in den kommenden Wochen. „Es werden noch deutlich mehr sein“, sagt Sprecher Michael Blaschke, „und das Schlimmste ist, dass sich diese Situation bis 2023 hinzieht. Die Kalamität folgt einem Glockenverlauf, deren Spitze wir noch nicht erreicht haben.“ Im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht 2018/19 geht die Behörde sogar davon aus, dass 40 Prozent der Fichten in Nordrhein-Westfalen gefährdet sind. „ Das Ausmaß dieser Kalamität ist eine absolute Ausnahme“, heißt es dort.

Das Neheimer Paradox

Wir wandern und, weil wir uns mal wieder verhauen, weil der blöde Wanderführer (ausnahmsweise mal ich) nicht aufpasst, mäandern also durch einen angefressenen Wald. Auf den Lichtungen heizt die Sonnenstrahlung das Nadelpolster am Boden auf, es riecht sehr angenehm ätherisch-fruchtig. Neben der Erkenntnis der Auswirkung des Klimawandels verblassen die Eindrücke der Wanderung. Ereignislos, aber „trotzdem schön“, sagt Franz. Vier Rehe – es könnte wegen der Zeichnung (gepunktete Decke) – Sika-Wild gewesen sein, verharren nebenan im Dickicht. Zum Schluss werden wir noch mit reichlichen schönen Pfaden belohnt, ehe wir uns dem Neheimer Paradoxon nähern. Wir tappern den Kleinen Hirschberg (272 m) hoch, dann den Großen. Ist aber 16 Meter niedriger.

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