Naked fish

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Man sollte die Unternehmungslust der Norweger im Sommer nie unterschätzen. Es bleibt rund um die Uhr taghell und die Menschen holen vieles nach, auf das sie im Winter verzichten mussten. Angeln um Mitternacht, beispielsweise.

Cousin Benno, der seit fast 20 Jahren auf den Lofoten als Chirurg arbeitet, grinst, als er Franz und mich in sein kleines, weißes Boot mit Außenbordmotor verfrachtet. Eigentlich wollten wir nur ein spätes Bierchen mit ihm trinken, aber er fragt stattdessen: „Ha, sollen wir mal angeln?“ Benno steuert das Boot vom Anleger vor seinem Haus Richtung Westen auf den Nappstraumen hinaus. Der Nappstraumen trennt die Inseln Vestvågøya und Flakstadøya und ist nicht sehr tief, 40 bis 45 Meter, aber mit starken Unterströmungen. Aufmerksam beobachtet Benno die Wasseroberfläche. „Wo Senken sind, da stehen sie.“ Die Fische. Ist aber nicht die Regel, das sei die Regel. Norwegische Anglerlogik.

Jede Sekunde wechselt das Licht

Die Kulisse ist bizarr, unwirklich schön. Im fernen Westen hetzen Wolken am Himmel heran, hier, auf den Lofoten, wabert Nebel über den schroffen Graten der Berge. Jede Sekunde wechselt das Licht und verleiht dem Meer andere Farben. Hinter einer roten Boje mit Angelleine für den Steinbutt dreht Benno das Boot aus dem Wind und drückt mir eine Angelrute in die Hand. Schnur mit Blinker abspulen, bis sie Grundberührung hat, dann wieder kurz aufspulen und mit der Rute dippen.

Der Mensch wird vom Meer geformt

Exkurs: Auf dem Küstenweg von Eggum nach Unstad steht nach wenigen hundert Metern der „Hude“, der Kopf, eine kleine Steinskulptur auf einer Stele, die viel über den Charakter der Lofoter aussagt. Von den Seiten sieht der Betrachter jeweils einen Kopf, von vorne erinnert der „Hude“ an die rund geschliffenen Felsen am Strand und an die formende Kraft des Wassers: Auf den Lofoten wird der Mensch und sein Handeln vom Meer bestimmt.

Vergebliches Tunken

Erfolgsgarantie gibt es beim Angeln nicht, und so tunken wir an drei aussichtsreichen Stellen vergeblich die Ruten ins Wasser. An der vierten Stelle, mitten im Nappstraumen, hat der Wind nachgelassen. Das Meer liegt wie schwarzes, durchsichtiges Glas, als es an der Angel ruckt. Im gleichen Moment, als der Dorsch an die Wasseroberfläche steigt, tut er mir Leid. Ich weiß, was gleich folgt. Einen Fisch im Geschäft kaufen ist etwas anderes, als ihn zu fangen und zu töten.

„Gratulere med fisken”

Ist schon ein stattliches Exemplar, der Dorsch, er hat eine grüngelbe und noch sehr lebendige Farbe. „Gratulere med fisken“, sagt Benno, Glückwunsch zum Fang. (Anm. d. Red.: Unerklärliche Skrupel und gleichzeitige Freude führen zu einem wahrscheinlich bescheuerten Gesichtsausdruck des Schlenderers). An Land überlässt Benno das, was er sonst als Chirurg macht (aufschneiden), selbstverständlich dem erfolgreichen Angler. Der hofft, für Bennos Patienten, dass seine Messer im Operationssaal nicht so stumpf sind wie das Teil, mit dem er den Dorsch ausnimmt;-) „Schneid mal den Magen auf und lass uns schauen, was er gegessen hat“, sagt Benno. Hintereinander sitzen, halb angedaut, zwei Sardinen und die unausgesprochene, bange Frage: Wer steht über dem Menschen in der Fresskette?

Der Körper ist durcheinander

Um 2 Uhr in der Früh zischen wir noch ein Bier, und der Körper ist endgültig durcheinander. Hier stimmt etwas nicht, Uhrzeit und Helligkeit korrespondieren nicht mit dem üblichen Leben und ein Gefühl von Jetlag stellt sich ein. Benommen diskutieren wir die Zubereitung. Von Kopf und Karkasse einen Sud ziehen, Senfsauce und Salzkartoffeln? Die Variante überstiege die Möglichkeiten des zweiflammigen Herdes in unserer Rorbu. Als entscheiden Franz und ich uns für „Naked Fish“: Dorsch, auf der Haut gebraten, Zitronenschnitz, Pellkartoffeln mit Salz und Butter. Einfach, aber gut.

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