Im Gebrauchtwald

Von Franz (Fotos) und Michael (Text) – „Na, das ist mal ein idyllischer Start“. Eigentlich dachte ich, Sarkasmus ist mein Ding, aber Franz kommt mir in Iserlohn zuvor.*
Seilersee, Parkplatz Eishalle, Baustellenlärm, Betonpumpen rotzen neue Parkplatzflächen auf den Boden (gut, dass das Iserlohner Ordnungsamt auf der unübersichtlichen Baustelle trotzdem noch Knöllchen verteilt – Absicht, weil in dem Chaos niemand die Übersicht hat?). Schon mal ein Grund, die Stadt nicht zu den Vorzugswanderflächen @derSchlenderer zu zählen. Aber greifen wir nicht vor.

Eine Uhr, die nur 4x im Jahr richtig geht

Am Seilersee eine Sonnenuhr, die nie richtig geht (aus geographischen und anderen Gründen), außer an vier Tagen im Jahr. Iserlohn eben, und dass sie hier eine Autobahn enden lassen, stümperhaft, das. Nach ein paar Teerschleifen sind wir hinter das Stummel-Ende der A46 gelangt.
Bald dampfen wir, denn es ist kühl und die Luft schwangert vor Feuchtigkeit. Schön: Eine Passage mit mannshohen Farnen beiderseits, es schließen sich ebenso schöne Pfade an. Noch schöner: Das ganze Landschaftsensemble bleibt stehen, selbst wenn der  Weiterbau der A46 bis Menden und anschließend eine dreispurige B7 bis zur A445 bei Arnsberg  mal verwirklicht werden sollte. Denn diese Ecke liegt weitab vom Schuss.

Waldemei? Schnurgerade Straßen

Hinter Stübecken schwenken wir in die Waldemei ein, eine große Waldfläche zwischen Hemer und Menden, die auf ihren Status als Naturschutzgebiet wartet. Aber: schnurgerade Straßen durch die Waldemei, die man sorglos mit den früher in der Hemeraner Kaserne beheimateten Panzern befahren könnte. „Gibt es hier keine schöneren Wege“, moppert Franz. Ich kenne sogar eine Behörde, die kann zumindest noch breitere Wege bauen (Insiderwitz). Was wir sehen: Von Menschen angelegter Gebrauchs- und gebrauchter Wald (man beachte die Bedeutungsunschärfe!), der von breiten Fahrstraßen durchschnitten wird. Selbst ein Audi A8 Avant mit Allradantrieb, ganz großstädtischer Auftritt, wendet vor unserer Rastbank und brutzelt zurück.

Bücher, Bücher!

Also unterhalten wir uns über Bücher, bis wir wandernswertere Trails der Waldemei erreichen. Franz hat T.C. Boyle im Anstich, „Das Licht“, über den Drogenguru Timothy Leary, ich Colson Whiteheads „Nickel-Boys“, über den Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika in den 60er-Jahren und brandaktuell vor dem Hintergrund der Tweets des US-Präsidenten Donald Trump. Es ist nicht zu fassen: Dieser Mann hetzt über vier farbige Repräsentantinnen des Abgeordnetenhauses, darunter der Shooting star Alexandria Ocasio Cortez (Twitteracount: @AOC), sie sollten in die korrupten Länder zurückkehren, wo sie herkommen. Jo, sind in drei Fällen die USA.

Endliche schöne Ecken

Zurück in der Waldemei. Es gibt hier auch schöne Abschnitte mit Pfaden, die sich scheinbar unentwegt gabeln. Zwei Spechte trudeln über unsere Köpfe. Klein-, Mittel- oder Buntspecht?, Schade, dass wir nicht bei Wanderungen wie Twitterer @peterbreuer einen Referenz-Mittelspecht im Rucksack tragen, um sie bestimmen zu können. Dann haben wir auch noch aus nächster Nähe zwei große Lauscher gesehen, die aus einem Haferfeld ragten – unten war ein Reh dran, und zum unvermeidlichen Bismarck-Turm führte ein wunderschöner Wurzelweg.
Wenn jetzt nur nicht das Knöllchen wäre.
* Wanderung ist einige Zeit her, Verspätung defektem Rechner und Urlaub geschuldet, Knöllchen schon da.

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