Der Herbst war sehr groß

Von Franz (Fotografie) und Michael (Text) – Phänomenologisch – also von der Erscheinung her – befinden sich Teile der Natur derzeit in einem Zwischenstadium: Kirschen blühen im Dortmunder Rombergpark, Magnolien treiben schon fette, zu lange Knospen. Es wächst schon/noch an vielen Orten. Ja, haben wir eigentlich schon Frühbst oder ist es ein Herbling?

Die Zeile zu unserer Wanderung bei Iserlohn liefert uns ein Wein des Weingutes Franzen in Bremm an der Mosel: Das junge Winzerpaar taufte eine Riesling-Cuvee aus dem Neefer Frauenberg und dem Bremmer Calmont „Der Sommer war sehr groß”. Passt wie die Faust aufs Auge zu unserem Herbst, der uns Schlenderern für diese fortgeschrittene Jahreszeit immer wieder aufs Neue überraschend sonnige, klare Wandertage bescherte.

Heilt Ausschläge und stärkt das Vieh

Auch in Iserlohn haben wir großes Wetterglück, es ist sonnig und der Himmel blau. Wir stiefeln vom Bahnhof am Bethanien-Krankenhaus vorbei zum Danzturm hoch und sind schnell im Wald. Klar. Heißt ja auch Waldstadt, dieses Iserlohn. Mmh, die Sichtachse von der Stadt zum Turm hoch könnte man mal wieder ausasten, nur so, als Anregung. Den sagenhaften Ballotsbrunnen müssen wir unbedingt mal zu Pfingsten aufsuchen: Wer sein Wasser – schweigend – trinkt, dessen Leben verlängert sich um ein Jahr. Wenn einen der Schnitter unvermittelt vom Schlitten senst, ist es natürlich mit dem Nachhalten der gewonnenen Lebenszeit nix mehr. Das Wasser jedenfalls „heilt Ausschläge und stärkt das Vieh”, heißt es.

Das war gaanz frühe Informationstechnik

Am Danzturm, dem Wahrzeichen der Stadt, steht ein Relikt aus der Zeit der gaanz frühen Informationsübermittlung. Die optische Telegrafenstation war ein Glied in der Telegrafenlinie Berlin – Koblenz (1832 – 1849) und übermittelte Nachrichten über einen Signalmast mit sechs verstellbaren „Paddeln”. 100 Stufen hoch und wir stehen auf dem Danzturm, 1908/09 neben der Telegrafenstation errichtet. „Erhaben ist der Ort, er lädt zum Schauen”, beginnt eine Ode an die Region von Wilfried Diener; genau das machen wir und gucken uns die Augen aus, während von unten aus der Restaurantküche Schwaden von Frittieröl hochwabern. Hüngerchen? Noch nicht.

Im Wald hinter dem Danzturm finden wir auf der Teilstrecke der Waldroute blühenden Storchschnabel, in der Stadt hatten wir bereits Sommerflieder entdeckt, der kleine grüne Blätter austreibt. Nehmen wir es mal als Sinnbild, dass es selbst in den dunklen Stunden noch/wieder Licht gibt und dass das Leben weitergeht. Irgendwie. Wir öffnen Jacken und Kragen, wo uns die Sonnenstrahlen treffen.

„Sensationeller Move!”

Alsdann begegnen wir einer, nun ja, molligen Dame, die uns mit Nordic-Walking-Stöcken laufend passiert. „Sensationeller Move!” würden neusprachliche Fußballreporter nun sagen (und in Klammern: „Robbän, Robbään!!”). Trotz ihrer Üppigkeit gleitet die Frau so elegant über Waldweg, als sei ihr Leib mit Luft gefüllt. Diese flüssige Bewegung muss ich – rückenschmerzengeplagt – unbedingt auch mal ausprobieren, joggen mit Stockunterstützung, vielleicht hilft es ja. Doch Schluss mit körperlichen Malaisen, werfen wir noch schnell eine andere Vokabel aus der Pferdedressur ein: abfußen, nennt man so, wenn der Gaul seine Schritte ordentlich macht. Hat für uns aber so eine mürrische, widerspenstige Note, und sie passt gar nicht auf uns Schlenderer, denn wir schreiten mit Lust in der Natur aus. Wir können sogar wieder alberne Kindsköpfe werden und uns auf dem Spielplatz bei Gut Holmecke auf den Hängelift werfen. Die Sülberg-Deele, direkt an der Waldroute gelegen, kommt anschließend wie bestellt für eine Koffeindirekteinspritzung, hat aber leider, leider in den späten Monaten nur sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Ein frischer Tintling im Dezember

Unten im Tal, in Bredenbruch, linsen wir mal kurz in eine der traditionellen Drahtziehereien, für die das märkische Sauerland bekannt ist. Interessant, interessant! Aus dickem Draht wird dünnerer, daraus wiederum Nägel, Stifte oder sonstwas. In dieser Region verläuft ja auch der Wanderweg der Drahthandelsroute, ist aber nicht in einem Tag zu stemmen.

Wieder im Wald, ich fass’ es nicht: ein Schopftintling in verzehrfähigem Zustand. Fehlt – es ist Dezember! – nur noch ein frischer Steinpilz, latest found, ever. Oben auf dem Kamm staken wir zurück westwärts in die tiefstehende Sonne, breitbeinig wie John Wayne, großes Wanderkino!

Franz_Michael_klein

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