Durchs grüne Meer

von Franz (Fotos) und Michael (Text) – Hirschberg ist wirklich ein herausragendes Ziel. 450 Meter ragt der malerische (echt malerisch!) Ort aus dem Naturpark Arnsberger Wald heraus. Man sieht das Dorf mit dem kantigen Turm der St.-Christophorus-Kirche schon von weitem, eingebettet in ein grünes Massiv aus Weiden und Wäldern. Genau das wollen wir auf unserer Tour durchpflügen.∗ Zunächst einmal gibt es eine bescheidene Premiere zu vermelden: Wir gehen nicht allein. Erstmals begleiten uns Schlenderinnen, die erste Männergruppe unter Deutschlands Wanderern wird quasi unterwandert. Jogi Löw (es ist WM) würde Ergänzungs- bzw. Spezialwanderer sagen, wir würden eher Thomas Müllers Begriff vom „Bewegungsstürmer” analog auf die Wanderinnen anwenden. Kaum haben wir uns aus Hirschberg hinuntergeschraubt ins Tal, schnüren die Mädels zügig vorneweg. Ist heute nichts mit Schlendern, was, Franz? Wir inhalieren den kräuterigen Duft einer nassen, gemähten Wiese, die das Aroma von Fenchel, Honig und getrocknetem Waldmeister ausströmt, scheuchen durch unsere Anwesenheit zwei Reiher auf und hecheln den Schlenderinnen hinterher; richten hastig aus der Froschperspektive den Blick zurück auf Hirschberg und registrieren die im Kopf wie ein Fenster aufgeploppte Frage: Warum liegt das Dorf auf einem Berg?

Habt ihr euch schon mal verlaufen?

Wenig später weichen wir freiwillig aus. Tiefer, durch schweres Gerät aufgewühlter und matschiger Boden, den nur die Mountainbiker lieben, die an uns vorbei durch den Morast brettern, die Bremsbacken hinten bis zum Rücken bespritzt: Das brauchen wir nicht und schlagen einen kühnen Haken im Gelände, der aber leider zu einer hinterhältigen Frage der Schlenderinnen führt: Habt ihr euch schon mal verlaufen? Franz hat das „J…” auf den Lippen, als ich ihm in die Parade falle: Ganz sicher nicht. Wir haben nur mal Alternativrouten geprüft. Franz lässt nicht nach: „Aber im Kreis sind wir…” – Das waren Rundwanderungen, Kerle!! Kann doch nicht die Führungsqualitäten meines Wanderkartenwarts und seinen Ruf vor Gästen beschädigen lassen, Sacklzement! Dann ist Franz wieder in der Spur, wir tauchen ein ins Wäldermeer, Woge um Woge schichtet sich vor uns auf, wir lassen uns treiben ins Grün (Anm. von Franz: Das nächste Mal lasse ich ihn treiben, in seinem grünen Meer! Ohne mich findet der nie! zurück).

Beeindruckende Aussicht auf Hirschberg

Oben an unserem Blickhorizont das Blau und Weiß des Himmels und die Farben der Fichten und Buchen, unten Aquariumeffekt: seidig schimmerndes Sonnenlicht auf Lichtungen und die Ruhe des Waldes erzeugen eine stumme, unwirkliche Unterwasser-Stimmung. Die breiten Wanderwege sind etwas spannungslos, aber angenehm zu wandern. Wir bewundern eine anmutige, sturmgebeugte Fichte, streiten kurz über die Möglichkeit eines überfliegenden Schwarzstorches in dieser Gegend (es war einer) und werden zum Schluss auf einer Teilstrecke der 240 Kilometer langen Waldroute mit einer überwältigenden Aussicht belohnt: Hirschberg taucht wieder erhaben aus dem Grün des Waldmeeres vor uns auf.

Alter Schankraum, Hirschgeweih an der Wand

Aufgang zum empfehlenswerten Landhotel und Gasthof Cramer mit altem sauerländischem Schankraum, Kachelofen, Hirschgeweih an der Wand und blankgescheuerten Tischen, erstmals Weißbier zum Abschluss, Apfelkuchen mit Streußeln und Beerenschnitte mit Cappuccino und der offenen Frage: Warum liegt der Ort auf diesem Berg? Es gab im Mittelalter einmal eine Stadtburg und ein Jagdschloss und einiges mehr. Und Kölner Kurfürsten, die den Blick über das größte zusamenhängende Waldgebiet des späteren Nordrhein-Westfalen schätzten. Lange, ganz lange her.

∗ Wieder 20 km. Uns erreichte eine Mail von Ingrid, die sich gerne kürzere Schlendertouren wünscht. Wir geloben Besserung!

Nachtrag: Wer von Hirschberg aus wandert und die neue GeoMap-Karte von 2013 verwendet, wird durch eine falsche Wegemarkierung irritiert. Den darin eingezeichneten Wanderweg A12 gibt es um Hirschberg gar nicht. Richtig sind offensichtlich A7, A9 und A10.

Franz_Autor Michael_Autor

 

Die ganze Runde:[map style=”width: auto; height:400px; margin:20px 0px 20px 0px; border: 1px solid black;” gpx=”http://www.dieschlenderer.de/wp-content/uploads/Hirschberg.gpx”]

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