Auf ganz großem Fuß

Von Michael (Text) und Franz (Fotografie) – Mit ihren scharfen Zacken sehen die Teile aus wie Bärenfallen und es gibt sie sogar beim Kaffee-Großröster zu kaufen, was dem freundlichen Tchibo-Onkel aus den 70er-Jahren heute wohl ein erstauntes Wundern abringen würde. Was es nicht alles gibt! Jedenfalls stellen der Franz, der Gerald und ich unsere Wanderstiefel in Schneeschuhe, um aufs Herzogenhorn zu steigen.

Wir sind wieder in Gresgen, jenem kleinen Bergdorf im Südschwarzwald, das mit einer beneidenswerten Aussicht auf die fernen Alpen ausgestattet ist. Heute sind dieSchlenderer aber nicht zum Luffern (sauerländisch für: gucken), sondern zum Schneeschuhwandern hergekommen. Gerald, der in Gresgen stationiert ist als südlicher Schlenderervorposten, dieselt mit uns zum Feldbergpass (1231 m), der zwischen Herzogenhorn (1415 m) und Seebuck/Feldberg liegt. Als Tourführer für Black Forest Magic kennt sich Gerald natürlich aus mit Schneeschuhen und hält für Franz und mich den Mercedes unter den Bärenfallentretern bereit, er selbst schlüpft in die Tchibo-Patschen. Auf großem Fuß queren wir den kleinen Skizirkus am Pass, lassen den Trubel bald hinter uns und verschwinden im Naturschutzgebiet. Darfste normalerweise nicht, wir schon: „Mit Schneeschuhen ist es erlaubt”, sagt Gerald. Er erklärt uns auch, wie der Hase läuft und wie man an seiner Spur im Schnee erkennen kann, in welche Richtung: Er setzt die Hinterläufe mit zwei parallelen Tupfen vor die vorderen. Das sieht dann so aus :–

„Messerscharfe Eiskristalle radieren die Rinde ab”

Die Zacken der Schneeschuhe greifen sicher, auch steil bergauf, leichte Stockstiche rechts und links sichern die Balance. Franz und ich schlappen in Geralds Spur an der Zähringer Hütte vorbei, am Leistungszentrum Herzogenhorn über die letzten Loipen und sind schließlich mutterseelenallein in einer weißen Bilderbuchwinterlandschaft. Allein der blaue Himmel fehlt. Erinnerungen an die Kindheit mit „echten” Wintern werden lebendig, an denen man den ganzen Tag nur draußen im Schnee verbrachte, auf Skiern, Schlitten und Gleitschuhen. Die Luft ist so rein und so klar und so frisch, Champagnerluft nur Hilfsbegriff!

Wir passieren ein trauriges Trio toter Fichten

Raureif-Fahnen wachsen an Ästen und Halmen – übrigens dem Wind entgegen, weiß Gerald. Himmel und Erde tragen hundert Schattierungen von Weiß und uns wird die Abwesenheit jeglicher Farbe bewusst. Wir passieren ein Trio toter Fichten, die ihre entnadelten Äste traurig in den Wind recken. „Hier oben weht im Winter ein beißender Wind, messerscharfe Eiskristalle radieren die Rinde ab”, sagt Gerald. Wir gruseln uns angemessen und stellen uns vor, wie wir verbissen, die bloßen Hände um die Stöcke gekrallt, durch einen Eissturm stapfen, die Knöchel bis auf die Knochen blankgeschabt… Aber im Ernst: Viele Menschen denken, Schwarzwald ist ja „nur” Mittelgebirge, aber jedes Jahr gibt es in der Region ein Todesopfer* in den Bergen, sagt Gerald.

     

Dann sind wir oben auf dem Herzogenhorn. Gipfelschluck mit Williams Christ, weil der Naturbursche unter uns Geburtstag hat. Prost, Gerald! Das Geburtstagskind weist in den weitreichenden Dunst um uns herum und erklärt uns, welche Gipfel wir sähen, könnten wir etwas sehen. Irgendwie erinnert uns das ultimative Weiß an Georg Baselitz, dessen Bilder wir kürzlich in der Duisburger Küppersmühle betrachteten. Der Künstler kündigte vor einiger Zeit an, Bilder nur noch in Schwarz zu malen. Warum nicht in Weiß? Es überdeckt auch alle Konturen und hätte überdies den Vorteil, freundlicher zu sein als ein pechschwarzes Werk das ausschaut, als sei dem Maler unglücklicherweise ein Eimer Bitumen darauf ausgelaufen.

Glühende Ohren, Weißbier und ssarfe Gulyás-Suppe

Vom Herzogenhorn aus steuern wir die Krunkelbachhütte an. In der Nähe entspringt der Krunkelbach, der sich in einem 360-Grad-Kreis erstmal um sich selbst dreht, ehe er in die Alb, dann bei Bad Säckingen in den Hochrhein und schließlich in Rhein und Nordsee mündet. Die Hütte ist eine urige Einkehr mit freundlicher ungarischer Bedienung, an diesem Tag bis auf zwei weitere Schneeschuhgeher leer. Wohlige Mattigkeit, nach der Kälte glühende Ohren, ein flaschengrüner Kachelofen, ein Hirsch-Weißbier, eine ssarfe Gulyás-Suppe mit einem Kanten selbstgebackenem Brot – was will man mehr?

Eine amtliche Knoblauchfahne

Das hier: Das Prickeln der Eisnadeln auf dem Anorak spüren, den raumgreifenden Schritt genießen und die neu gewonnene Freiheit im Gelände. Die Schneewolken stieben vor uns auf, wir schweigen einvernehmlich und hören nur das gelegentliche Schnalzen der Schneeschuhe und das dumpfe Schmatzen des Schnees. Was solche Erlebnisse wert sind, kann man wenig später im Skizirkus am Feldbergpass gegenrechnen. Fettschwaden wehen über die Pisten, zusammen mit dem üblichen Aprés-Ski-Tralala.

Gerald, Franz und ich ziehen höchstens eine amtliche Knoblauchfahne hinter uns her, die von einer köstlichen Aioli stammt. Angerührt hat sie Hilde mit fast einer Knolle am Vorabend, zusammen mit einer würzigen Fischsuppe. Wir haben zusammengehockt mit dem Gresger Ortsvorsteher und Ortsversteher Peter, übers Dorfleben geredet und auf die Gastfreundschaft angestoßen vorm Kamin. Genau da wollen wir jetzt hin, uns die Füße anwärmen vorm flackernden Holzfeuer, Kaffee trinken und einen Panettone vertilgen, der vom Fest übrig geblieben ist.

Ein perfekter Tag, meinen Franz und ich und ahnen nicht im Ansatz, was am nächsten Morgen auf uns zukommen wird….

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*Wenige Tage später kommen nach heftigen Starkschneefällen zwei Menschen am Feldberg und am Herzogenhorn durch Lawinenabgänge zu Tode.

Die Tour wurde aufgezeichnet mit der App runtastic:

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