Blätterleuchten!

Von Franz (Fotografie) und Michael (Text) – Yepp! Oder wie man im Sauerland sagt: Jou. Das war ein Wandertag wie gemalt. Endlich mal wieder über 20 km wechgehauen, am 15. November einen frischen (!) Steinpilz gefunden, sogar die Anfahrt zu den Bruchhauser Steinen zur Golddörfer-Route war ein Genuss.

Während Franz (Dortmund) vom schneeweißen Hochnebel über den grünen Tälern und der strahlenden Sonne schwärmt, kontere ich (Elsper): HasteauchSchneegesehen? Oben auf dem Pass am Rimberg lagen Reste des ersten Niederschlags am Straßenrand. Klar, ist ja auch November, und wir Schlenderer nehmen das Wetter, wie es kommt.

Jeder Wetterfurz wird skandalisiert

Noch am Morgen hatte sich Jörg Kachelmann im Deutschlandfunk Kultur über die Hysterie und die Neigung der Medien mokiert, jeden Wetterfurz zu skandalisieren. Und stellte die steile These auf, Rudi Carrell (Wann wird’s mal wieder richtig…) oder zu häufige Urlaube im dauersonnigen Spanien seien Grund für die irrige Annahme der Deutschen, unser Sommer müsse auch so sein respektive er sei schlecht gewesen. War er nicht, sondern durchschnittlich, sagt Kachelmann, und wir meinen: das auch.

Vier steile Lava-Zähne

Die Bruchhauser Steine sind vier steile Lava-Zähne, die aus dem Sauerland herausragen. Vor rund 380 Millionen Jahren, als die Region noch ein Meer war, sind sie als flüssiges Gestein durch Erdspalten in die Höhe geschossen und gehören jetzt einem Fürsten. Ob das so in Ordnung ist mit den Besitzverhältnissen, ist einer untergegangenen Ständegesellschaft geschuldet und darf – von uns – zumindest bezweifelt werden.

„I was lookin’ back at you”

Im November ist von den fürstlichen Kassenwarten am Eingang nichts zu sehen, und so klettern wir umsonst auf den Feldstein. Ein mit Eisengeländern versicherter kleiner Steig führt auf den Gipfel, für zwei Minuten fast alpin. Oben sieht man die Nebelschwaden um die vier Steine ziehen und der Wind pfeift gewaltig. Gegenüber liegt der Olsberg, auf dem wir vor zwei Wochen standen und Wanderer auf dem Feldstein zu uns herüberblicken sahen. („I was lookin‘ back to see if you are lookin’ back at me to see me lookin‘ back at you“ – Safe from Harm, Massive Attack).

Noch einmal die Farben des Herbstes

Und sonst? Es ist die Zeit gekommen, in dem im Wald nicht mehr viel passiert. Schön, dass auch die Natur mal die Schnauze halten kann und einfach nur da ist. Ruhig und demütig lässt sie den Herbst über sich ergehen. Auf dem Boden modert altes Laub matschiggrau zu jenem Schlamm, aus dem wir einst erstanden. Oben, an den Bäumen, hängt noch was, und wenn die Sonne durch die Wolkendecke bricht, entzünden ihre Strahlen noch einmal die Farben des Herbstes. Dann leuchten Ahorn und Birken gleißend-gelb und braune Kronen geben sich kurz einen rötlichen Schimmer. Unter steilen Buchenhängen haben sich rote Laublawinen ergossen. Blätterleuchten!

Das Geheimnis der grünen Steine

Hinter der Grillhütte Elleringhausen weiden zottige Rinder auf der Weide. Highland-Cattle? Stoisch rupfen sie Gras, wiegen ihre mit gefährlich spitzen Hörnern bewaffneten Häupter. Nebenan fließt die Limmecke und schweigt sich beharrlich aus über das Geheimnis intensiv grüner Steine, die in ihr liegen. Was färbt sie so stark? Heute fehlt Schlenderer Martin, der als Chemiker Erklärungen bei der Hand hätte.

Steiler Kreuzweg-Pfad

Hinter Elleringhausen schweigen wir uns – denn mit dem Atem müssen wir haushalten -, einen wunderschönen Kreuzweg-Pfad empor, der seine Zielgruppe weit verfehlt. So steil können alte Tanten und Omas nicht gehen, auch nicht bergab. Die Heimkehrer-Kapelle auf dem Ruthenberg erinnert an die Überlebenden und Toten der Weltkriege und an die Orte, an denen sie ihr Leben gelassen haben: El Alamein, Sedan, Stalingrad. Die Mahnmale für jene, die Opfer waren, fallen kleiner aus, sind aber im Dorfleben in Assinghausen als Stolpersteine täglich präsent. Vier jüdische Mitbürger wurden deportiert, ermordet.

Gib mir Fünf, Franz!

Wir bewundern die gut gepflegten Fachwerkwerkhäuser, lesen ihre plattdeutschen Sprüche in den Balken und wandern zurück ins dritte Golddorf. Unterwegs strahlt die Sonne noch einmal taschenlampenmäßig durch die Wolken und beschert eine Lichtstimmung, in der man beschließt: Heute abend mache ich einen Roten auf (Vinea Artis 2014, Crianza). In Bruchhausen schauen wir auf den Tacho: 22 Kilometer. Wir können es noch, gib‘ mir Fünf, Franz!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Website